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Kultur im Norden Ein Historiker macht Geschichte
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22:14 27.11.2017

Den Nobelpreis erhält er 1902, ein Jahr vor seinem Tod. Es ist der zweite, der überhaupt vergeben wird, und eine Ehrung für seine „Römische Geschichte“, die die Antike mit einem anderen Blick und einer anderen Sprache lebendig macht. Wie bei Winston Churchill ein halbes Jahrhundert später wird der Preis für ein geschichtliches Werk verliehen, denn aus dem Juristen ist längst ein Historiker geworden. Für viele der bedeutendste seiner Zeit.

Herr und Meister: Theodor Mommsen (1817-1903) vor einer Büste Julius Cäsars. Quelle: Foto: Gemälde von Ludwig Knaus / Alte Nationalgalerie

Theodor Mommsen kommt in Garding an Schleswig-Holsteins Westküste zur Welt. Er ist das älteste von sechs Kindern in einem Pfarrershaushalt. Die Familie zieht um nach Bad Oldesloe, wo heute das Gymnasium nach ihm benannt ist. Er studiert in Kiel, promoviert über römisches Recht und macht sich mit einem Stipendium des dänischen Königs auf zu Studien nach Frankreich und Italien.

Ein Jahr vor der Revolution 1848 kehrt er zurück nach Deutschland und wird in Rendsburg Redakteur der „Schleswig-Holsteinischen Zeitung“, für die er auch Freund Storm als Mitarbeiter gewinnt. Aber er verlässt den Journalismus wieder und begibt sich vollends in die Wissenschaft. Er wird Professor in Leipzig, Zürich und Breslau, bevor er 1858 an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin wechselt und anhebt zu einer Karriere als Historiker, die ihresgleichen sucht.

Aber er ist kein Mann nur für die Studierstube, trotz seiner etwa 1500 wissenschaftlichen Arbeiten. Er ist auch ein politischer Kopf, einer, der sich einmischt, nicht nur im Wissenschaftsbetrieb.

Schon in Leipzig wird er wegen seiner Verwicklung in den sächsischen Maiaufstand entlassen. Er sitzt für die Liberalen im preußischen Abgeordnetenhaus, später im Reichstag. Er kollidiert mit Otto von Bismarck, dessen nationales Einigungswerk er heftig begrüßt, den er aber später tief verachtet. „Ja, dieser Bismarck hat uns hassen gelehrt, wie wir nie geglaubt hatten, einen fremden Menschen hassen zu müssen“, schreibt er.

Mommsen ist ein ebenso kühner wie liberaler Denker. Er attackiert im „Antisemitismusstreit“ den Großhistoriker Heinrich von Treitschke, der die Juden als „unser Unglück“ bezeichnet.

Judenfeindlichkeit sei eine „Missgeburt des nationalen Gefühls“, hält er ihm entgegen und ruft später zur Gründung eines „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“ auf.

Er ist Vater von 16 Kindern und bei seinen Studenten gefürchtet. Er ist streitbar, eitel und nicht frei von Schwermut. Und er hat keine Angst vor Autoritäten, schon gar nicht vor katholischen: Als Papst Leo XIII. in der Vatikanischen Bibliothek erscheint, bleibt er als Einziger sitzen und beschäftigt sich weiter mit einem alten Codex. In einem Brief an seine Frau Marie spricht er davon als der „albernen Vatican-Geschichte“. Er macht Eindruck, auch auf Theodor Storm, mit dem und seinem Bruder Tycho er in frühen Jahren das „Liederbuch dreier Freunde“ veröffentlicht. Neben Ferdinand Tönnies sei Mommsen der „bedeutendste junge Mann, den ich je in meinem Leben gefunden habe“, schreibt Storm in einem Brief an Gottfried Keller.

Als Historiker von Weltruf schließt Mommsen neue Quellen auf, sondiert Inschriften und zieht einen Schlussstrich unter die bisherige Betrachtung der Antike. Der Geschichtsschreiber müsse mehr vom Künstler als vom Gelehrten haben, sagt er und hält sich auch daran. Mommsen, schrieb der Historiker und FAZ-Herausgeber Joachim Fest, habe das „tote Material“ der Geschichtswissenschaft „zu anschaulichstem Leben erweckt und aus Staub und Asche die alte Welt in all ihren Farben wiedererstehen lassen“.

Und er ist Ahnherr einer Historiker-Dynastie. Die Enkel Wilhelm und Theodor E. Mommsen haben sich in der Profession einen Namen gemacht, ebenso Wolfgang A. Mommsen, der spätere Präsident des Bundesarchivs. Und natürlich die Zwillingsbrüder Hans und Wolfgang Mommsen, die Urenkel. Sie haben als Kenner der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Arbeiterbewegung die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik tief mitgeprägt. Der Ururenkel Oliver Mommsen allerdings schlägt etwas aus der Art. Er ermittelt als Kommissar Nils Stedefreund im Bremer „Tatort“.

Bücher zu Mommsen

Eine Biografie Theodor Mommsens hat der Althistoriker Stefan Rebenich von der Universität Bern mit „Theodor Mommsen“ im Jahr 2002 zum 100. Todestag vorgelegt (C. H. Beck Verlag, 272 Seiten, 26,90 EUR).

Aktuell ist „Von Mommsen zu Gelzer?“ erschienen. Der Historiker, FAZ-Redakteur und Autor Simon Strauß beleuchtet darin die wissenschaftsgeschichtliche Stellung und Aktualität Theodort Mommsens (Franz Steiner Verlag, 262 Seiten, 56 Euro).

Peter Intelmann

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