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Ein Inferno der Unmenschlichkeiten

Kiel Ein Inferno der Unmenschlichkeiten

Doppelte Uraufführung in Kiel: „Die Zehn Gebote“ von Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Shlomo Moskowitz.

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Der General Adam (Marko Gebbert) trifft in der Eselin Salem Aleikum (Jessica Ohl) sein eigenes Gewissen im Libanon-Krieg.

Quelle: M. Scholz/dpa

Kiel. . Wie tief kann der Mensch ohne ethische Richtschnur fallen? Bodenlos. Er kann zur grausamen Bestie werden und sich entmenschlichen, wie die ebenso bewegende wie verstörende Doppel-Uraufführung „Die Zehn Gebote“ am Freitagabend im Kieler Schauspielhaus zeigte. Aber am Ende keimt doch Hoffnung.

Den ersten Teil siedelte das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel im belagerten Leningrad im Zweiten Weltkrieg an. Mehr als eine Million Menschen starb damals, Adolf Hitler ließ die Stadt bewusst aushungern. In diesem Inferno der Belagerung ist jede Menschlichkeit verloren gegangen. NS-Wahn, Kadavergehorsam auf deutscher Seite, aber auch auf russischer Seite gibt es Versagen und Schuld: Ein russischer Priester tötet als Scharfschütze die Feinde und beruft sich dabei auf Gott. Die deutschen Personen sind namenlos, benannt nur nach ihren Funktionen.

Wenn man Gott zum Teufel jage, entstehe eine Leerstelle, sagte Zaimoglu vor der Premiere. Und so dekliniert er die zehn Gebote in zehn Szenen durch. Am Ende kommt es zum Duell zwischen dem russischen Priester und dem gefangen genommenen Hauptmann. Sie wagen mit einer Patrone in einer Pistole Russisches Roulette. Niemand stirbt. Doch mit der letzten Kugel will der Deutsche den Russen erschießen, aber dieser hatte die Waffe nur mit einer Platzpatrone geladen. Und er zieht eine zweite Pistole und erschießt den Deutschen.

Die düstere Hoffnungslosigkeit des ersten Teils wird dann aufgebrochen im zweiten Stück. Der israelische Dramatiker Shlomo Moskowitz lässt seine Adaption vor dem Hintergrund des Libanonkriegs von 1982 spielen: Adam, Brigadegeneral einer israelischen Panzereinheit, erlebt bei der Belagerung einer Stadt eine Erscheinung: Eine Eselin — sie ist letztlich das eigene Gewissen — lässt Adam zweifeln am eigenen Handeln. Er will die Stadt nicht einnehmen, weil es viele Soldaten und Zivilisten das Leben kosten würde.

Moskowitz zeichnet eine Parabel der Selbstzweifel der israelischen Gesellschaft, die in ihren Kriegen selber schuldig wird. Und er zeigt dabei eine Entwicklung an Adam, der vom Protagonisten der offiziellen Lehre zum Zweifler wird und selbstverantwortet handeln will.

Das Bühnenbild (Lars Peter) beider Inszenierungen ist ähnlich. Gespielt wird auf einer schiefen Ebene. In Leningrad ist sie bedeckt mit schwarzem Kies, der wie Erde oder Schlacke wirkt, Tod und Hoffnungslosigkeit sind allgegenwärtig. Adam tritt nackt auf die Bühne, die jetzt keinerlei Kies mehr hat, sondern hellen Boden. Die Regisseure (Annette Pullen und Dedi Baron) haben einen teils düsteren, teils kammerspielartigen, aber auch mal burlesken Wahnsinn inszeniert — mit durchweg überzeugenden Schauspielern, die expressiv mit Sprache und Körperspiel Inhumanität und Sehnsucht nach Liebe zugleich ausdrücken.

Nächste Aufführungen: 20., 27. und 29. April.

Von Matthias Hoenig

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