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Kultur im Norden Ein Kammerspiel der Ohnmacht
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20:24 09.11.2013
Man trifft sich bei der Ketzerverbrennung: Die Hofgesellschaft von König Philipp, die einfachen Menschen und natürlich die Geistlichkeit. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler
Lübeck

Man war gespannt auf diese Premiere, das Debüt des neuen Generalmusikdirektors Ryusuke Numajiri als Operndirigent am Theater Lübeck. Mit Verdis „Don Carlo“ stand eine sehr schwierige Aufgabe vor dem neuen musikalischen Chef und seinem Orchester, eine Oper, die von den musikalischen Kontrasten lebt und einer ungewöhnlichen Mixtur von Stilen. Die Lübecker Philharmoniker spielten klangschön, wie man es von ihnen in den vergangenen Jahren kennen und schätzen gelernt hat. Allerdings deuteten klappernde Einsätze vor allem im ersten Teil und einige — freundlich ausgedrückt — verwaschene Stellen darauf hin, dass sich Dirigent und Orchester noch nicht wirklich gefunden haben. Numajiri liebt große Gesten, was in den Finals der Oper auch passte.

Insgesamt aber sprang bei dieser Premiere der Funke nicht wirklich über, es gibt durchaus noch Luft nach oben.

Beeindruckend und bedrückend in seiner theatralischen Intensität war dieser Abend dennoch. Das war der herausragenden Leistung des Ensembles zu verdanken und der Regiearbeit von Sandra Leupold.

Die Regisseurin brachte diese Verdi-Oper gegen alle konventionellen Sichtweisen auf die Bühne. In einem ausweglosen Raum, durch drei graue Wände begrenzt, spielt sich bei ihr das menschliche und politische Fiasko von Don Carlo, König Philipp, Elisabeth, der Eboli und des Marquis Posa ab. Kaum Requisiten, nur zwei Abgänge in den Bühnenboden, mehr braucht die Regisseurin nicht, um dieses Drama der Eingeschlossenen umzusetzen (Bühne: Stefan Heinrichs). Wie sie ihr Personal in diesem Gefängnis bewegt, ist beispielhaft dicht an der Musik und an Verdis Intentionen. Die im Stil des 16.

Jahrhunderts gekleideten Damen des Chores (Kostüme: Jessica Rockstroh) betreten die Bühne wie in Zeitlupe, das passt einerseits zu ihren Melodielinien, aber auch zum strengen spanischen Hofzeremoniell, das zu Zeiten König Philipps eingeführt wurde. Auch wenn Don Carlo später wie ein grenzdebiler Hanswurst in Strumpfhosen herumspringt, entspricht das dem musikalischen Gehalt seiner Arie. Bedrückend wirkt das, unheimlich und fremd — und doch ist es nichts anderes als das, was im Text und in der Musik steht, umgesetzt in Bilder, die man so bald nicht vergisst.

Das gilt vor allem für die Szene des Autodafés. Nackt und zitternd, hilflos und schutzlos stehen Männer, Frauen und ein Kind der Macht der Inquisition gegenüber. Sie werden mit Pech angestrichen und ins Feuer geworfen: Nichts anderes steht in der Partitur. Auch das ein großer Wurf der Regie, die in ihrer Stringenz alles bot, nur nicht Belcanto-Seligkeit und bloße Unterhaltung. Aber für diese Szene gab es die ersten Buhs.

Sängerisch gelang diese Premiere ebenfalls herausragend. Darstellerisch waren alle Akteure stark gefordert, sie absolvierten ihre Aufgaben mit Bravour. Shavleg Armasi als Philipp imponiert durch seinen profunden, mächtigen Bariton, den er präzise führt. Ebenso großartig Gerard Quinn mit seiner ungemein differenzierten Gestaltung des Marquis Posa. Yoonki Baek in der Titelrolle hatte zu Beginn mit Intonationsproblemen zu kämpfen, steigerte sich aber eindrucksvoll. Taras Konoshchenko, neues Mitglied im Lübecker Ensemble, gab mit seiner farbenreichen tiefen Stimme einen furchterregenden Großinquisitor..

Carla Filipcic Holm (Königin Elisabeth) und Sanja Anastasia als Prinzessin Eboli — wie das historische Vorbild mit Augenklappe — bildeten ein perfektes Damen-Doppel. Ihre anspruchsvollen Partien bewältigten sie so scheinbar mühelos, dabei so überzeugend und intensiv, wie man es selten erlebt. Der von Joseph Feigl einstudierte Chor sang und spielte mit Verve.

Das Publikum bejubelte das Ensemble, Orchester und den Drigenten. Das Regie-Team allerdings musste sich viele Buhs gefallen lassen für diese nicht leicht zu ertragende, aber höchst intelligente und packende Inszenierung.

Nächste Aufführungen: 14. und 23. November.

Schillers Vorlage
Friedrich Schiller schrieb sein als „dramatisches Gedicht“ gekennzeichnetes Stück „Don Karlos“ in fünf Akten zwischen 1783 und 1787; es wurde am 29. August 1787 in Hamburg uraufgeführt. Vordergründig beschreibt „Don Karlos“ politische und gesellschaftliche Konflikte unter der Herrschaft von König Philipp II.von Spanien, zum Beispiel den Beginn des 80-jährigen Krieges um die Unabhängigkeit der Niederlande. Im Subtext aber geht es um handfeste Liebesaffären, an denen der Thronfolger Karlos, der seine Stiefmutter Elisabeth liebt, letztlich scheitert — auch am Einfluss der mächtigen Kirche.

Jürgen Feldhoff

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