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Ein Klecks bestimmt das Bild

Lübeck Ein Klecks bestimmt das Bild

Thorsten Rodiek, Leiter der Lübecker Kunsthalle, erklärt „Goro“ von Emil Schumacher.

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„Ist das Kunst oder kann das weg?“, fragte einst der Komödiant Mike Krüger. Bei vielen abstrakten Werken greift der Begriff des Schönen nicht. Kunsthistoriker Thorsten Rodiek (Foto) versucht eine Interpretation des Bildes „Goro“. Es hängt derzeit in der St.-Annen-Ausstellung „35 Jahre echte Freunde“, die noch bis zum 3. Januar läuft.

Quelle: Fotos: Neelsen

Lübeck. Man sieht viel Braun und Schwarz, dazu Weiß, und alles eher ungeordnet. Wie geht man um mit einem Bild wie „Goro“?

Rodiek: Bevor man Inhalte oder etwas Konkretes sucht, lässt man es auf sich wirken. Man sollte offen sein, so wie Kinder offen sind.

Hilft der Name?

Rodiek: Das ist bei Emil Schumacher schwierig. Er hat ganz häufig lautmalerische Titel, auch hier bei „Goro“, was etwa an das Gurren einer Taube erinnert. Man kann im Bild einen Schnabel erkennen, ein Auge, als wäre es ein Geier oder der Kopf eines Adlers. Und die kräftigen Partien weiter unten mit dem Sand in der Farbe ähneln Schlacken oder Asphalt. Das erinnert an das damalige verrußte Ruhrgebiet, seine Heimat.

Es könnte aber auch etwas völlig anderes sein.

Rodiek: Sicher, doch dieser Vogelbezug ist schon sehr stark.

Ist das Bild durchkomponiert?

Rodiek: Schumacher hat intuitiv gemalt. Er sagte, ich mache einen Klecks, und dann bestimmt das Bild, was ich zu tun habe. Man weiß bei ihm nie, ob etwas entsteht oder zerfällt.

Werden und Vergehen, das spielt in seinen Bildern immer eine Rolle. Außerdem kann man auf „Goro“ unheimlich viel entdecken.

Geht es darum? Dass man in einem Bild immer Neues entdeckt?

Rodiek: Nein, aber für einen selber bleibt es immer spannend. Man sieht sich nicht satt.

Muss man dem Rätsel auf die Spur kommen, das der Maler dem Betrachter mit einem Bild aufgibt?

Rodiek: Kunst stellt keine Forderungen. Man muss gar nichts. Aber man kann. Der Mensch ist ja nicht nur rational, sondern ein Wesen mit Gefühlen. Je nach Stimmung begegnet auch mir das Bild immer wieder anders.

Es kann das Bild also nur verstehen, wer die Biografie des Künstlers kennt?

Rodiek: Nein. Bilder schreiben nicht vor, wie man zu denken hat. Jedem steht frei zu sagen: Ich kann damit nichts anfangen. Aber je mehr man versteht, desto mehr kann man ein Bild mögen, desto mehr erzählt es einem.

Geht es denn um Verstehen oder letztlich doch nur um den Geschmack?

Rodiek: Bei Geschmack muss ein Bild zur Wohnzimmergarnitur passen. Aber ein Bild kann auch durchaus verstören. Schumacher hat mit Geschmack nichts zu tun.

Wer ihm böse wollte, könnte sagen: „Goro“ hätte auch in einer Autolackiererei auf dem Boden liegen können, dann hat man es ausgestellt.

Rodiek: Richtig. Aber Schumacher hat mal mit figurativer Malerei begonnen. Er konnte figurativ malen, er hat es irgendwann einfach nicht mehr gewollt, weil er damit nicht das ausdrücken konnte, worum es ihm eigentlich ging. Früher hieß es, der Künstler will das Publikum auf den Arm nehmen. Aber man kann nicht davon leben, dass man die anderen auf den Arm nimmt.

Trotzdem ist die Grenze zur Scharlatanerie fließend.

Rodiek: Ja, natürlich.

Kennt Kunst objektive Kriterien?

Rodiek: In der alten Kunst gab es sie, Handwerk etwa, Fertigkeit. Das ist in der Moderne schwierig. Aber man kann schon sagen, ob jemand überzeugend eine Fläche füllen kann, ob es eine Struktur gibt. Allerdings sind die Kriterien je nach Künstler unterschiedlich.

Aber dann scheint Kunst etwas für Experten zu sein.

Rodiek: Nein, überhaupt nicht. Sicher, wer mehr verstehen will, muss mehr wissen. Aber ich kann unmittelbar Freude an Formen und Bewegung haben. Der Mensch ist ein homo ludens, ein spielendes Wesen. Er kann frei assoziieren und mit Formen umgehen. Das unterscheidet ihn vom Tier. Aber etwas Geheimnis bleibt Kunst immer — auch für den Künstler.

Überall wird gemessen und gewogen, überall gibt es gültige Maßstäbe. Nur in der Kunst nicht.

Rodiek: Das macht die Leute unsicher, natürlich. Aber das ist ja auch eine Chance. Außerdem gibt es Bereiche, die nicht messbar sind. Wie wollen Sie Gefühle messen?

Dennoch hätte die Platte aus der Lackiererei im Museum den gleichen Anspruch, betrachtet zu werden.

Rodiek: Aber da müssten wir als Museum vorher sagen, ob wir sie aufhängen oder nicht. Marcel Duchamp hat ein Pissoir ins Museum gestellt und gesagt, es sei ein Brunnen. Aber dahinter steckte natürlich viel Überlegung.

Also doch etwas für Experten.

Rodiek: Ja, aber ein Künstler schafft ja nicht primär, um seine Bilder zu verkaufen. Er will etwas ausdrücken, was er mit Worten nicht sagen kann.

Interview: P. Intelmann

Ein Klassiker der abstrakten Kunst
Emil Schumacher wird 1912 im westfälischen Hagen geboren. Nach einem Studium an der Kunstgewerbeschule in Dortmund ist er ab 1935 als freischaffender Maler tätig. 1947 gründete er mit Malerkollegen die Künstler- und Ausstellungsvereinigung „junger westen“. Ein radikaler Umbruch in seinem Werk findet 1950 statt, als sich Schumacher vom Gegenstand als Bildmotiv verabschiedet und die Farbe zum eigentlichen Bildfaktor wird. Er wird 1964 zur Documenta in Kassel eingeladen, erhält Professuren in Hamburg und Karlsruhe und gilt als ein Klassiker des Informel. Schumacher stirbt am 4. Oktober 1999 in San José auf Ibiza.

LN

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