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Kultur im Norden Ein Kraftmeier im schmalen Anzug
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18:16 05.07.2017
Till Brönner mit dem Flügelhorn: routinierte Lyrik und berückend schöne Töne. Quelle: Foto: Olaf Malzahn

Der Star kommt mit Verspätung, das gehört sich so. Als Till Brönner auf der Bühne der Lübecker Musik- und Kongresshalle erscheint, hat seine Band schon etliche Takte einer Funk-Hymne in den Saal entlassen. Brönner kann sich das leisten, er gilt ja als Lichtgestalt des deutschen Jazz, vor ein paar Jahrzehnten hätte man gesagt, er sei der Beckenbauer unter den Trompetern. Dass Schlagzeuger David Haynes den Champion wie einen Boxer beim Titelkampf ankündigt – „Put your hands together for Mister Till B.“ – ist dann aber doch des Guten zu viel.

Immerhin spielt Brönner nicht nur hochvirtuos und mit berückend schönem Ton, er macht dabei auch noch eine gute Figur in seinem schmalen Anzug und mit seiner gewinnenden Art. Das Konzert – ein Nachklapp zu Jazz Baltica und Teil des Schleswig-Holstein Musik Festivals – lebt von Brönners Persönlichkeit, seinen Improvisationen, bei denen er noch in den getragenen Balladen die rasantesten Kapriolen einflicht. Seine Melodiebögen zielen bewusst am Harmoniegerüst der Stücke vorbei, das verstärkt die Spannung.

Der Auftritt wird aber erst mit Brönners Moderation zum Gesamtkunstwerk. Man erfährt, warum er nicht Gitarrist wurde (wegen Louis Armstrong), warum der Saxofonist Ben Webster einmal 40 Minuten keinen Ton herausbrachte („I forgot the lyrics“), auch wie das war vergangenes Jahr, als er ins Weiße Haus zu den Obamas geladen war, um mit den Größen des US-Jazz aufzutreten („Michelle sieht noch besser aus als auf Bildern“).

Brönner hat sein Septett mit zwei Keyboardern aufgerüstet, sie ersetzen ein ganzes Orchester. Die Band klingt allerdings oft zu routiniert, Brönners Soli auf Trompete und Flügelhorn wirken oft zu kalkuliert. Zu Beginn lässt er Kraftmeiereien hören, schmettert in höchsten Höhen, als müsse er sich aus einem Bigband-Bläsersatz herausschälen. Er will zeigen, dass er in allen Jazz-Idiomen zuhause ist, umschmeichelt das Blues-Schema, macht Ausflüge ins Rockig-Modale, während das E-Piano die zentrale Harmonie ausleiert. Und gelegentlich singt er auch mit dieser Stimme, die klingt, als traue sie sich selbst nicht, als wolle der Sänger sagen: Ist nicht so gemeint. Aber auch diese Attitüde steht Brönner nicht schlecht.

mib

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