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Ein Loblied auf die Macht der Poesie

Berlin Ein Loblied auf die Macht der Poesie

Dantes „Göttliche Komödie“ fasziniert bis heute – auf dem Jahrtausendwerk baut Sibylle Lewitscharoff ihren Roman „Das Pfingstwunder“ auf.

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Glaubt sie an Wunder? Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff (62).

Quelle: dpa

Berlin. . Schon Epikur war sich sicher: Es gibt kein Leben nach dem Tod. Der Mann sollte irren, denn nach seinem Ableben fand sich der griechische Philosoph (341-271 v. Chr.) unter den Ketzern im sechsten Kreis der Hölle wieder – zumindest, wenn man Dante Alighieri glaubt, der vor 700 Jahren in seiner „Göttlichen Komödie“ das Jenseits bis ins Detail beschrieb: Neun Höllenkreise für die Sünder, dann der Läuterungsberg mit dem Fegefeuer und schließlich die himmlischen Sphären des Paradieses.

Der Glaube an Hölle und Teufel ist im aufgeklärten Europa lange verflogen. Doch Dantes Versepos, in dem der italienische Nationaldichter (1265-1321) das politische Geschehen, das theologische, naturwissenschaftliche und philosophische Wissen seiner Zeit und eine hinreißende Liebesgeschichte miteinander verknüpft, verzaubert bis heute die Leser und ernährt die Dante-Forscher.

So auch Gottlieb Elsheimer, die Hauptfigur in Sibylle Lewitscharoffs Roman „Das Pfingstwunder“. Mit 33 Kollegen aus drei Erdteilen ist der Frankfurter Romanist zu Pfingsten 2013 zu einem Dante- Kongress nach Rom gekommen. Er ist überzeugter Agnostiker, doch als vom Petersdom die Pfingstglocken läuten, passiert etwas, was eigentlich gar nicht sein kann. Ist Dante doch mehr als nur Dichtung?

Die „Dantisti“ treffen sich im Maltesersaal auf dem Aventin-Hügel und gehen die „Commedia“ systematisch durch. Als am Pfingstsamstag der Läuterungsberg („Purgatorio“) an der Reihe ist, wird die Stimmung immer ausgelassener. Ähnlich dem Pfingstwunder der Bibel können sie plötzlich fremde Sprachen verstehen. Sie kommen gar nicht mehr dazu, sich mit dem „Paradiso“ zu befassen. Denn plötzlich verschwinden alle – bis auf Elsheimer.

Der hockt 13 Tage später völlig fertig in seiner Frankfurter Wohnung und sucht nach Erklärungen für das Unerklärliche. Er kann niemandem erzählen, was er gesehen und erlebt hat, denn man würde ihn ja für verrückt erklären. Als 34. Kongressteilnehmer ist er alleine übrig geblieben, und mit dieser Zahl hat es etwas auf sich: 100 „Cantos“ (Gesänge) zählt die „Commedia“, je 33 für Fegefeuer und Paradies, 34 inklusive Einleitung für die Hölle. In 34 Kapitel hat Lewitscharoff auch ihren Roman gegliedert. Mit Italiens „altissimo poeta“ kennt die Büchner-Preisträgerin sich aus, hat sie doch nach Angaben des Marbacher Literaturarchivs, das eine Ausstellung zum Roman zeigt, alle rund 50 deutschen Dante-Übersetzungen gelesen.

In der Figur des Gottlieb Elsheimer hat Lewitscharoff einen männlichen Ich-Erzähler geschaffen, der nicht nur so alt wie sie ist (62), sondern auch wie sie in Stuttgart geboren wurde. Manches, was Elsheimer sagt und denkt, hat Lewitscharoff zuvor so schon in Vorträgen und Vorlesungen geäußert. Eine Art Alter Ego also.

Ihr Roman ist in erster Linie eine Hommage an den großen Dante, dessen 750. Geburtstag ganz Italien voriges Jahr feierte. Das Buch ist zugleich ein Loblied auf die Macht der Poesie. „Dantes Dichtung durchflutete unsere Körper, wie es keiner der Anwesenden je zuvor erlebt hatte“, lässt Lewitscharoff Elsheimer sagen. Man kann das Buch aber auch als Bekenntnis auffassen, dass es mehr gibt als die sichtbare Realität.

Können Wunder geschehen? Für gläubige Christen ist das eigentlich keine Frage. Skeptiker halten sich an Epikur und dessen römischen Schüler Lukrez, der schon knapp 100 Jahre vor Christus schrieb: „Es ist die Welt, so wie sie ist, nicht durch göttliches Wirken geschaffen und auch nicht für uns.“

„Das Pfingstwunder“ von Sibylle Lewitscharoff, Suhrkamp-Verlag, 350 Seiten. 22 Euro .

Klaus Blume

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