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Ein Lüftlein, kein Sturm

Lübeck Ein Lüftlein, kein Sturm

400 Jahre nach William Shakespeares Tod: Sein Zauberstück „Der Sturm“ gibt am Lübecker Theater Rätsel auf.

Die Gestranteten: (v. l.): Golzalao (Astrid Färber),. Antonio (Matthias Hermann), Sebastian (Robert Brandt) und König Alonso (Sven Simon), beäugt von Prospero (Timo Tank).

Quelle: Kerstin Schomburg

Lübeck. Die Schauspieler stehen bereits auf der Bühne, als das Publikum im Großen Haus des Theaters Lübeck Platz nimmt. Fünf Gestalten schwanken leicht in einer Brise und sondern Sätze ab: „Die Hölle ist leer, und alle Teufel sind hier.“ Oder: „Alles wird gut.“

Patrick Schlössers Inszenierung des späten Shakespeare-Stücks „Der Sturm“ beginnt nicht gerade furios. Vielmehr mit einer melancholischen Szene in purer Schwarz-Weiß-Optik. Erst mit dem Fall der weißen Tücher, die den Bühnenraum begrenzen, gibt es einen Hinweis auf das verheerende Unwetter, das der Luftgeist Ariel im Auftrag seines Gebieters Prospero über dem Meer anrichtet, um das Schiff mit allen Feinden dieses Herrn, des davongejagten Herzogs von Mailand, an die Küste seines Exils zu spülen. Dieser Prospero ist ein Künstler, kein Regent. Deshalb widersetzte er sich nicht, als sein Bruder Antonio ihn dereinst in einem morschen Kahn aufs Meer hinausschickte, wo er sich mit seiner Tochter Miranda auf jene Insel, die nun Schauplatz von Rache und Vergebung sein wird, eingerichtet hat.

Timo Tank spielt diesen Prospero eher wie einen strengen Onkel als einen Geistesmenschen und Mystiker, der sich der Zauberei verschrieben hat. Nur wenn er seiner Tochter sein Schicksal schildert, gerät er in Rage, nur wenn er seinen Luftgeist befehligt, erkennt man in seiner Rede etwas Herrisches. „Was ihr erzählt, kann Taubheit heilen“, hält die Tochter dem aufbrausenden Vater entgegen (in der Übersetzung von B. K. Tragelehn).

Die höfische Gesellschaft, die da auf Prosperos kahler Insel auf Plateausohlen herumstolpert, trägt groteske Perücken. Was uns das sagen soll, bleibt so rätselhaft wie die Besetzung des treuen Kanzlers Gonzalo mit der reserviert aufspielenden Astrid Färber.

Es gibt weitere Rätsel in dieser Aufführung, mit der das Theater Lübeck den vor 400 Jahren gestorbenen Dramatiker feiern will. Warum führen die Gestandeten einen Disco-Tanz zu Ariels Melodie auf?

Warum agiert das Ensemble, als wäre es vom Theatermagier Robert Wilson stilisiert worden? Warum das Schwarz und Weiß, das nur von der roten Perücke des Luftgeistes Ariel durchbrochen wird?

Es gibt allerdings auch ein paar sehr gelungene, einleuchtende Szenen. Immer wenn das gemeine Volk auftritt — Robert Brandt als versoffener Stephano, Matthias Hermann als sein Kumpan Trinculo —, wird raffinierte Schauspielkunst sichtbar. Die beiden machen sich den Eingeborenen Caliban (großartig gespielt von Hennning Sembritzki), der sich am Boden windet wie ein Reptil, mit Alkohol gefügig.

Gleichzeitig stiftet dieser hündische Kerl die beiden naiven Charaktere zum Mord an Prospero an. Wenn dann Ariel den Trinculo zur Marionette macht, die willenlos Arme und Beine hebt, ist klar, dass der Plan nicht gelingt, weil auch dabei der Zauberer seine Finger im Spiel hat. Miranda hat inzwischen Ferdinand, Sohn des Königs von Neapel und einer der Gestrandeten, für sich entdeckt. Ein schönes Bild, als ein Stück Feuerholz eine Annäherung verhindert und gleichzeitig eine Verbindung herstellt.

Man bekommt originelle Regie- Ideen serviert, doch Einfall auf Einfall ergibt noch keine Botschaft.

Am Schluss scheint die alte Ordnung wiederhergestellt, Prospero kehrt zurück nach Mailand. Man hat sich lieb, trotz aller Wunden. „Prospero fand sein Herzogtum / Auf einer armen Insel, und wir alle /

Fanden uns selbst, als keiner bei sich war“, erkennt Kanzler Gonzalo. War der ganze Sturm also nicht weiter als ein Selbstfindungsworkshop? Nein, man nahm an einem artifiziellen Experiment zur Erhöhung einer selbstgerechten Figur teil, die sich zum Schluss ohne Ironie ans Publikum wendet mit den Worten: „Bannt nicht mich / Auf diese Insel neuerlich. / Sondern klatscht zu gutem Ende / Mir zu helfen in die Hände.“

Ein Lüftlein nur, kein Sturm.

Weitere Aufführungen: Fr., 12. Februar, 19.30 Uhr, So., 28. Februar, 18 Uhr, Großes Haus des Theaters Lübeck

Michael Berger

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