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Ein MANN in Lübeck

Lübeck Ein MANN in Lübeck

Thomas Manns Enkel Frido war in der Stadt. Neben einer Lesung stand ein Besuch der Exil-Ausstellung im Buddenbrookhaus auf dem Programm.

Frido Mann wurde 1940 im Exil geboren. Jetzt besuchte der Enkel von Thomas Mann in Lübeck die Ausstellung über das Exil der Familie Mann.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. „Die Großvaterschaft kommt spät“, notierte Thomas Mann in seinem Tagebuch, und sie mache ihm „geringen Eindruck“. Zwei Jahre später las sich das anders. Da würde der Enkel sie besuchen, Frido, der Sohn seines Jüngsten Michael. Die Eltern brachten ihn für eine Weile vorbei, und der Dichter war entzückt. „Er ist meine letzte Liebe“, schrieb er.

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Thomas Manns Enkel Frido war in der Stadt. Neben einer Lesung stand ein Besuch der Exil-Ausstellung im Buddenbrookhaus auf dem Programm.

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Es war eigentlich immer ein Thema, und auch ich als kleiner Junge habe die Besonderheit der Situation unbewusst gespürt.“ Frido Mann über das Leben im Exil

Man kommt manchmal schlecht raus aus der Rolle, die einem ein Großvater zugedacht hat, ein berühmter zumal, Nobelpreisträger. Und so ist oft schon das Wort vom „Lieblingsenkel“ dort, wo Frido Mann hinreist, auch wenn er selbst längst Großvater ist. Dennoch spricht er von ihm als einem „bergenden, freundlichen, Halt gebendem Herrn, ein Vater-Ersatz fast“.

Gestern besuchte der bald 76-Jährige die Ausstellung „Fremde Heimat“ im Buddenbrookhaus, die sich mit dem Exil der Manns beschäftigt. Die Emigration habe die gesamte Familie nachhaltig geprägt, sagte er. „Es war eigentlich immer ein Thema, und auch ich als kleiner Junge habe die Besonderheit der Situation unbewusst gespürt.“ Besonders Heinrich und Klaus Mann hätten sehr gelitten.

Da die Eltern sich wenig um Frido und seinen jüngeren Bruder Toni kümmerten, waren die Kinder häufig bei ihren Großeltern, die nach ihrer Rückkehr aus den USA 1952 wieder in der Schweiz lebten. Er habe mit seinem Großvater viel über die Nazizeit gesprochen, sagte Frido Mann. Die Familie habe nach Kriegsende nur zögerlich zurückgefunden nach Europa. „Mein Großvater wollte weg aus den USA, aber er wollte unter keinen Umständen zurück nach Deutschland. Die Bundesrepublik Deutschland und Bundeskanzler Adenauer waren ihm fremd“, sagte Frido Mann. Auch er selbst habe lange gezögert und erst vor etwa fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten.

Für eines seiner Bücher war er vor einiger Zeit in der ostböhmischen Stadt Prosec (Tschechien), wo die Manns nach ihrer Ausbürgerung aus Deutschland registriert wurden. „Der Bürgermeister der Stadt hatte damals den Plan, eine Städtepartnerschaft mit Lübeck zu schließen – als Partnerschaft zwischen den beiden Heimatorten der Manns gewissermaßen. Aber daraus ist bis jetzt leider nichts geworden“, sagte er. Auch heute müssten wieder viele Menschen ihre Heimat verlassen und Zuflucht in der Fremde suchen. Aber anders als in den 1930er Jahren seien die Unterschiede zwischen Europa und den USA heute viel geringer, so dass die Umstellung viel leichter falle als früher.

Am Abend zuvor hatte Frido Mann ein Gastspiel im Katharineum, wo vor etwa 120 Jahre sein Großvater zur Schule gegangen war. Er las dort vor vollen Reihen auf Einladung des Gymnasiums und des Buddenbrookhauses aus „An die Musik“, einem vor zwei Jahren erschienenen Essay. Es sei ein „Selbstporträt“, sagte er, eine Art Bilanz seiner Auseinandersetzung mit der Musik. Er lotet darin aus, wie tief und nachhaltig sie die menschliche Seele berühren kann. Sie könne Glück und Lebenslust bedeuten, Begeisterung, Hingabe, Stolz oder Spiritualität. Sie könne aber auch Zerrissenheit in sich bergen, Verzweiflung, inneres Chaos. Sie leuchte den schmalen Grat aus zwischen gut und böse. Freunde von ihm in den neuen Bundesländern könnten Beethovens 9. Sinfonie noch immer nicht unbefangen hören, weil sie am Ende von SED- Parteitagen gespielt worden sei.

Mozart ist eine der großen Figuren in Frido Manns Musikwelt. Schon früh ist er ihm auf einem Porträt im Arbeitszimmer seines Vaters begegnet. Er hat ihn sein Leben lang studiert und erforscht. Und wo vor allem die Leichtigkeit des Seins bei Mozart bewundert werde, habe der sich schon früh und immer wieder mit dem Tod beschäftigt. Im „Requiem“ kurz vor seinem Tod werde „religiöse Inbrunst“ deutlich, aber auch eine sehr große Angst. Umrahmt wurde der Abend durch die jungen Musiker Constantin Schiffner sowie Felicitas und Jonas Klein.

Eva-Maria Mester

„Die Manns – Genealogie einer deutschen Schriftstellerfamilie“ heißt ein Band von Michael Stübbe, der zwölf Jahre nach dem ersten Erscheinen in überarbeiteter Fassung vorliegt. Auf 178 Seiten wird zwölf Generationen der Familie Mann nachgegangen.

Ein bewegtes Leben

Frido (eigentlich Fridolin) Mann wurde 1940 in den USA geboren, wohin Thomas Mann mit seiner Familie vor den Nazis geflohen war. Er ist der erste Sohn von Michael Mann, des jüngsten Sohnes des Literatur-Nobelpreisträgers. Fridos Schwiegervater ist der Physiker Werner Heisenberg, auch er ein Nobelpreisträger. Dessen Tochter Christine hatte er während des Studiums kennengelernt und 1966 geheiratet. Sie haben einen Sohn.

Musik hat der heute 75-Jährige studiert, wie sein Vater Michael. Dazu Katholische Theologie und Psychologie. Er war unter anderem in Münster Assistent des großen Theologen Karl Rahner. Er habilitierte 1980, wurde Professor und war bis 1990 geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie in Münster. Heute lebt er wieder in München, wohin die Familie Mann von Lübeck aus gezogen war.

Auch als Autor ist Frido Mann in Erscheinung getreten. 1985 feierte er sein Debüt mit dem autobiografischen Roman „Professor Parsifal“, dem weitere Romane und andere Bücher folgten. Die Parabel „Terezin“ kam unter der Regie von George Tabori auf die Bühne. 2008 veröffentlichte er seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „Achterbahn“. Im Jahr darauf wurde sein Multimediaprojekt „Flood“ im litauischen Vilnius aufgeführt, seinerzeit Europas Kulturhauptstadt.

 Peter Intelmann,

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