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Ein Mann schluckt‘s runter

Hamburg Ein Mann schluckt‘s runter

Heiko Thieß aus Ratzeburg bereichert mit „Arschkarte“ das Genre des Männerromans — die Geschichte des Werbetexters spielt im Milieu von wenig sympathischen Kollegen.

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Hamburg. Heiko Thieß ist Mitte 30, von Beruf Werbetexter bei einer großen und erfolgreichen Hamburger Agentur, derzeit ungebunden.

Timo Feuer ist Mitte 30, von Beruf Werberexter bei einer namhaften Hamburger Agentur, derzeit ungebunden — aber, anders als Thieß, unglücklich, weil verlassen von Freundin Lena.

Heiko Thieß ist der Schöpfer von Timo Feuer, der Hauptfigur des Romans mit dem einprägsamen Titel „Arschkarte“ — ein Bestseller in einer windstillen Nische des Literaturbetriebs. Thieß ist nicht der Erfinder des Genres „Männerroman“, das ist nach seiner Meinung ein gewisser Tommy Jaud mit seinen Büchern über Männer, die auf der Suche nach der Idealfrau scheitern („Vollidiot“, „Millionär“). Aber auch Thieß hat mit „Arschkarte“ einen wesentlichen Beitrag zu dieser Literatur-Spezies geleistet.

Was ist das Wesen des Männerromans? Thieß zählt auf: „Dass die Hauptfigur ein Mann ist, dass die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird, dass die Frauen die Probleme machen.“ Als er zu schreiben begann, habe ihm „eine romantische Komödie“ vorgeschwebt. „Naja, eine etwas härtere Gangart wollte ich dann doch einschlagen, nicht zu gefühlig werden, ich bin ja nicht Ildikó von Kürthy.“

Deshalb kann man gleich auf der ersten Seite ein handfestes Bekenntnis seines Ich-Erzählers Timo lesen: „Als Lena auszog, kam ich mir vor wie ein ausgebeuteter Tagebau, aus dem man höchstens noch einen trostlosen Baggersee machen kann, um sich darin zu ertränken.“

Der erwähnte Tommy Jaud hat zu seiner Arbeitsweise gesagt: „Ich würde mir nie eine Seite erlauben, auf der nicht irgendetwas Lustiges passiert.“ Das ist auch die Maxime von Heiko Thieß: „Ich wollte in erster Linie ein saulustiges Buch schreiben, wo es auf 300 Seiten knallt.“ Und so verarbeitet sein Timo den Verlustschmerz mit selbstironischen Sätzen: „Ein Mann redet nicht, ein Mann schluckt's runter. Und das bestimmt nicht mit Milch.“

„Einen Frauenhelden wie James Bond oder den Kerl aus ,Fifty Shades of Grey‘ wollte ich nicht schaffen“, bekennt Thieß, „solche Figuren sind langweilig.“ Anders als diese verstaubten Helden würden die realen Männer nun mal rot anlaufen, wenn sie sinnlich gefordert würden. Er und sein literarisches Alter Ego entsprechen da ganz der Alterskohorte der späten Jungs, die, verunsichert von der neuen, stärkeren Rolle der Frau, im Geschlechterkampf schnell zurückstecken.

Romanfigur Timo greift auch zu Intrigen, um seine verlorene Freundin Lena, die zu einem gewissen Frank in die Nachbarwohnung gezogen ist, wiederzugewinnen. Gleichzeitig ist da eine ansehnliche Kollegin, die seine Aufmerksamkeit und seine erotische Phantasie in Anspruch nimmt. Paarungswillig begibt er sich in die Disco, sieht sich in Online-Singlebörsen oder an anderen öffentlichen Orten um — und scheitert ein ums andere Mal. Auch weil er sich oft zu weit vorwagt, die Anmachsprüche des Werbetexters („Wann hast du Feierabend?“) erweisen sich als untauglich.

Wir befinden uns im Marketing-Sektor, deshalb haben die Kapitel abgewandelte Werbespruch- Überschriften wie „Der Tag geht, die Ex kommt“ (was durchaus erotisch gemeint ist), „Wenn‘s mal wieder etwas länger dauert“ (dito), „Geiz ist ungeil“ oder „Klick in and find out“. Thieß Erzählung ist da am stärksten, wo er das eigene Metier geißelt. Es ist nämlich nicht so, dass er der Zunft der Werber unkritisch gegenübersteht. In seinem Buch ist der Propagandakosmos bevölkert von Schaumschlägern. Timos Creative Director ist Puffgänger mit starker Alkohol-Affinität. Aber Thieß kann auch mit dem Florett das eigene Nest angreifen: Wie er die Durchführung einer Kampagne für Fußpilzsalbe mittels einer Bettszene abhandelt, zeugt von Milieu-Vertrautheit.

Einen Überbau habe er sich beim Schreiben nicht aufgebürdet, sagt Thieß. „Ich hatte die Kunden einer Bahnhofsbuchhandlung im Kopf. Ich wollte, dass Leute, die in Hamburg in den Zug einsteigen und nach München fahren, sich sechs Stunden lang mit der Geschichte amüsieren. Mit meinem Roman sollen keine Schüler gequält werden.“ Man könnte „Arschkarte“ also Zielgruppenliteratur nennen.

Die findet man inzwischen eher im digitalen Orbit. Auch Thieß hatte seinen Roman zuerst im Netz veröffentlicht. Bis er dort von Lars Niedereichholz vom Kabarettduo „Mundstuhl“ entdeckt wurde. Der stellte den Kontakt zum Piper-Verlag her — „Arschkarte“ avancierte dort zum Spitzentitel des Monats inklusive großer Werbeoffensive.

Wie es sich für einen ordentlichen Schriftsteller gehört, sitzt Thieß bereits am nächsten Buch, wieder im Nebenerwerb. Es soll ein „Prequel“ zu „Arschkarte“ werden. Inhaltlich wird es dem Erstling gleichen: Ein Held stolpert vom peinlichen Moment zum peinlichen Moment zum Happy End. Die wichtigste Frage ist die nach dem Titel. Nach „Arschkarte“ muss ein ähnlich schlagender Begriff her, eine Marke. Weichei? Abgefuckt? Desaster? Thieß ist noch unschlüssig.

Werber und Autor
Heiko Thieß wurde 1979 in Ratzeburg geboren. Er lernte KFZ-Mechaniker in Lübeck, merkte aber schnell, dass er „mehr Theoretiker als Praktiker“ sei. Nach dem Wirtschaftsabitur in Mölln studierte er BWL in Rostock. Im Turm- Café in Mölln, das seine Eltern betrieben, half er regelmäßig aus. Seit ein paar Jahren ist er Werbetexter bei der Hamburger Agentur Jung von Matt.
Sein Roman „Arschkarte“ ist im Piper- Verlag erschienen (304 S., 8,99 Euro)

Michael Berger

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