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Ein Mann sieht gelb

Lübeck Ein Mann sieht gelb

Im Sommer wird ein neues Projekt von Christo zu sehen sein — „Floating Piers“ auf einem See in Italien. Beteiligt sind auch wieder die „Luftwerker“ aus Lübeck.

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In der Halle der Lübecker „Luftwerker“ in Genin wird seit dieser Woche bis Mitte Juni im Zweischichtbetrieb genäht.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler (2), Dpa

Lübeck. Lübeck. Links liegt die Erdkugel, eine faltige Hülle, grau und leer. Weiter hinten finden sich Sitzkissen für das Münchner Olympiastadion. Und quer durch den Raum zieht sich eine lange Bahn. Sie ist gelb, sie ist sogar sehr gelb und Teil eines Kunstwerks, das so beeindruckend sein wird wie flüchtig. „Floating Piers“ heißt es, eine neue Arbeit aus dem Hause Christo. In diesem Sommer soll sie in Norditalien zu sehen sein. Jetzt aber liegen die Einzelteile noch hier in der Halle eines Lübecker Industriegebiets, und es schaut eher nach Arbeit und Gewerbe aus denn nach Kunst.

Robert Meyknecht (64) kennt das. Er ist Geschäftsführer von „Geo — Die Luftwerker“, und es ist sein drittes Projekt mit Christo. Das erste war 2013 das „Big Air Package“, eine gewaltige weiße Hülle in einem alten Gasometer in Oberhausen. Das zweite war eine kleinere Arbeit danach in der Schweiz, bisher eine Sache im Verborgenen. Und jetzt also die „Floating Piers“, die schwimmenden Stege, noch mal eine größere Dimension.

Die Stege werden über den Iseo-See führen, die Dörfer Sulzano und Peschiera Maraglio sowie zwei Inseln verbinden, und man wird auf ihnen übers Wasser gehen können. Sie werden aus 200000 kleinen Pontons bestehen, 16 Meter breit sein, mehr als drei Kilometer lang und kein Geländer haben. Sie werden zu den Rändern hin leicht gebogen sein wie eine Tragfläche und bespannt mit einem leuchtenden Stoff, der nicht ohne Grund Dahliengelb heißt. Es scheint, als ginge man über flüssiges Gold, über Wege aus Sonnenlicht, die schillern und ihre Farbe ändern, wenn das Licht anders einfällt oder Feuchtigkeit ins Spiel kommt. Robert Meyknecht sagt es etwas anders: „Es sieht einfach völlig abgeknallt aus.“

Alles in allem werden dort 90000 Quadratmeter liegen, Polyamid, ein leichtes Gewebe, produziert in Greven im Münsterland. Der Stoff wird den „Luftwerkern“ auf 5,20 Meter breiten Rollen geliefert, in Bahnen geschnitten, je sechs Bahnen werden zusammengenäht, in „Big Packs“ verfrachtet und nach Italien gebracht. In dieser Woche hat in Lübeck die Serienfertigung begonnen, bis Mitte Juni wird mit fünf, sechs Leuten in zwei Schichten gearbeitet. Am 18. Juni soll „Floating Piers“ eröffnet werden, das ist der Plan.

Im Herbst war Christo für Tests in SchleswigHolstein. Auf einem kleinen See bei Altenkrempe in Ostholstein haben sie verschiedene Materialien ausprobiert. Vor Ort in Sulzano am See hat das Projektteam in einer ehemaligen Wasserflugzeugfabrik sein Lager aufgeschlagen und auch dort vieles noch mal durchgespielt.

Christo ist der Mann, der den Berliner Reichstag verhüllt hat. Er hat Inseln wie gewaltige Seerosen aussehen lassen und Tore aus Stoff in den New Yorker Central Park gehängt. Er ist der Experte für die großen Aktionen, die aber immer etwas Leichtes haben, etwas Schwebendes.

Meyknecht schildert diesen Christo Wladimirow Jawaschew als einen freundlichen Herrn von 80 Jahren. Immer besorgt um seine Mitarbeiter, wach, agil, morgens der Erste und abends der Letzte. Ein Workaholic mit sehr viel Leidenschaft und sehr genauen Vorstellungen von seinen Projekten. Aber wenn Probleme auftauchten oder etwas nicht machbar sei, lasse er auch mit sich reden.

Und Probleme tauchen immer wieder auf, Dinge mit denen man nicht rechnet. Jetzt zum Beispiel „wächst der Stoff“, wie Meyknecht sagt. Er geht in die Breite, und sie können es sich nicht recht erklären. In Sulzano, wo auch der Rathausplatz und andere Bereiche des Ortes mit dem gelben Gewebe ausgelegt werden sollen, hat der Denkmalschutz ein Wort mitzureden. Und als es kein Schiff gab, um die Betonverankerungen für die Stege zu setzen, hat Christo eben eines bauen lassen, die „Lake Force 1“.

Das kostet natürlich, mittlerweile dürften mehr als zwölf Millionen Euro erreicht sein. Und Sponsoren gäbe es genug, sagt Meyknecht. Aber Christo will sie nicht. Er zahlt lieber wie immer alles selbst aus dem Verkauf von Zeichnungen und Skizzen des Projekts und behält so die Freiheiten und die Zügel in der Hand.

Es ist ein gewaltiger Aufwand, und das alles für gut zwei Wochen, in denen mit bis zu 800000 Besuchern gerechnet wird, genau weiß das niemand. Am 3. Juli schon soll alles wieder vorbei sein. Man wird den Stoff und die Pontons recyceln, der See wird wieder still ruhen zwischen den sich auftürmenden Alpen, und bleiben wird die Erinnerung an eine denkwürdige Christo-Arbeit, wieder mal.

Christo und Jeanne-Claude
Christo, 1935 in Bulgarien geboren, ist vor allem durch seine Verpackungsarbeiten bekannt geworden. Und er hat viel verhüllt: ein Stück Küste in Australien und eine Seine-Brücke in Paris, die Kunsthalle in Bern und 1995 den Reichstag in Berlin. Er hat einen Vorhang durch ein Tal in den USA gezogen und Schwärme von Sonnenschirmen in Japan und den USA aufstellen lassen. Wenn man von Christo redet, muss man eigentlich immer auch von seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude reden, mit der er die Arbeiten realisiert hat.



Einige Projekte warten noch auf die Umsetzung. „Over the River“ zum Beispiel, wo kilometerlange Stoffbahnen über den Arkansas River in Colorado gespannt werden sollen. Seit 1992 ist die Arbeit in Planung. Sollte sie realisiert werden, wären die „Luftwerker“ aus Lübeck auch wieder mit dabei.

Peter Intelmann

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