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Kultur im Norden Ein Museum für die Zeitung
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21:17 12.07.2013
Museumsstandort: das Ullsteinhaus am Tempelhofer Hafen im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Quelle: Foto: imago
Berlin

Zentral geht anders. Der expressionistische Backsteinkoloss des Ullsteinhauses am Tempelhofer Hafen liegt weitab von den üblichen Berliner Attraktionen. Knapp 20 Minuten dauert die U-Bahn- Fahrt vom Bezirk Mitte dorthin. Holger Wettingfeld aber schwärmt: „Von hier aus kann man gut aufs Zentrum blicken.“

Im Zentrum der Pläne des 49 Jahre alten Journalisten steht die Zeitung. Sein Verein will im Ullsteinhaus die deutsche Pressegeschichte aufarbeiten, die gedruckten Nachrichten ins Museum bringen. Weil er weiß, dass diese Aussage zweideutig klingt, sagt Wettingfeld: „Deutsches Pressemuseum — das ist der Arbeitstitel.“ Die Entwicklung der nationalen Presse und der Pressefreiheit sei sein Anliegen, „von der Kaiserzeit bis zur parlamentarischen Demokratie der Gegenwart“.

Er sitzt in einem leeren Raum mit kleinen, bullaugenartigen Fenstern. Draußen glitzert der Teltowkanal. 600 Quadratmeter Fläche hat der Eigentümer des Ullsteinhauses dem Verein zunächst mietfrei zur Verfügung gestellt. Becker und Kries, so heißt die Immobilienfirma, der das Ullsteinhaus gehört, erhofft sich Aufmerksamkeit.

Anfang des 20. Jahrhunderts ballte sich die publizistische Macht in der deutschen Hauptstadt. Die drei Großverleger Ullstein, Messe und Scherl wetteiferten mit immer neuen Titeln, mit Boulevardzeitungen und Illustrierten, mit Extrablättern und Agenturen. Sie saßen im Zeitungsviertel an der Kochstraße, nah an den Schaltstellen der Macht an der Wilhelmstraße. In Tempelhof ließ

Ullstein in den 1920er-Jahren ein Druckhaus errichten. Nach 1945, das alte Zeitungsviertel war zerbombt, kamen hier zunächst die Redaktionen von fünf Westberliner Zeitungen unter, darunter die „Welt“

und der „Tagesspiegel“.

Die Berliner Politik begrüßt das Projekt Pressemuseum, stellt aber keine Mittel zur Verfügung. Wettingfeld ist dennoch optimistisch: Am liebsten würde er die Ausstellung im Ullsteinhaus an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz andocken. Es gibt eine Zusammenarbeit mit der Staatsbibliothek, und in diesem Jahr beteiligt sich das Pressemuseum bereits mit Veranstaltungen am Berliner Themenjahr zu 80 Jahren Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Die großen Zeitungsverlage sollen für einzelne Ausstellungsprojekte mit ins Boot. Bereits nächstes Jahr will man mit der ersten Ausstellung beginnen: Die „Kiosk- Sammlung“ des Fotografen Robert Lebeck — neben dem Schriftsteller Sten Nadolny auch ein prominenter Unterstützer — zeigt Bildreportagen aus aller Welt. Die 30 000 Exponate sollen der Grundstock des Museums werden. Allerdings muss die Sammlung mit Zeitungen und Magazinen von 1839 bis 1973 erst noch erworben werden.

2017, so hofft Wettingfeld, könnte das Museum endgültig eröffnen. Da wäre es 400 Jahre her, dass Berlins erste Zeitung, die so genannte „Frischmann-Zeitung“, Vorläuferin der liberalen „Vossischen Zeitung“ erschien.

„Ich bin optimistisch, dass es auch ein weiteres Jahrhundert Zeitungen gibt“, sagt der Medienhistoriker Bernd Sösemann, der zurzeit für das Pressemuseum ein Online-Archiv über das Zeitungsjahr 1933 erstellt. „Früher aber gab es innovative Verlegertypen“, so Sösemann, „heute vermisse ich bei vielen Verlagen eine wirklich innovative Online-Strategie.“ Auch um die Zukunft soll es also im Pressemuseum gehen — mit Tagungen und Diskussionen. „Wir nennen uns zwar Museum, möchten aber nicht museal sein“, sagt Sösemann.

• Internet : www.dpmu.de

Medien im Wandel
„Deutschland ist ein Zeitungsland“, sagt der Bund deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und belegt die These mit Zahlen: Täglich erscheinen 333 Tageszeitungen mit 1532 lokalen Ausgaben in einer Gesamtauflage von 18,4 Millionen Exemplaren. Durchschnittlich 37 Minuten wenden die Bundesbürger täglich für ihre Lektüre auf; die älteren etwas mehr, die jüngeren etwas weniger. Wenn die Zeitungen sich dem Medienwandel stellten, so der BDZV, hätten sie „alle Voraussetzungen, als Gewinner aus der digitalen Veränderung der Medienkultur hervorzugehen“.

Jan Sternberg

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