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Kultur im Norden Ein Musik-Genie an der Abbruchkante
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20:25 02.11.2013

Jimi Hendrix war nicht nur ein begnadeter Musiker, er war auch ein talentierter Chronist seiner Erlebnisse und Gedankengänge. Zumeist unterwegs beschrieb er, was er gerade zur Hand hatte: Zettel, Servietten, Zigarettenpackungen und andere bescheidene Unterlagen. Über die rechtmäßigen Erben und die Verwertung der schriftlichen Hinterlassenschaften des „Gitarren-Gotts“

gab es über Jahrzehnte jede Menge Streit.

Statt eines Filmes ein Buch

Seit 1990 konnte der Filmemacher Peter Neal zusammen mit dem Hendrix-Vermarkter Alan Douglas die Selbstzeugnisse als Rohstoff für einen Dokumentarfilm auswerten. Der Film allerdings konnte in der Folgezeit nicht realisiert werden. Stattdessen wurde ein Buchprojekt daraus. Erst jetzt ist es unter dem Titel „Jimi Hendrix — Starting at Zero“ auf dem Büchermarkt erschienen. Ein auch gestalterisch ansehnliches Lesebuch, das Lust auf das Blättern in Hendrix‘ funkelnden Selbstzeugnissen macht und in dem auch Hendrix‘ geniale Songtexte zusammengestellt sind.

Immer noch ranken sich viele Spekulationen um Leben und Tod des exzentrischen Gitarristen, dessen Spielweise auch 43 Jahre nach seinem elendigen Tod weiterhin Maßstäbe setzt. Davon zeugt eine weltweite Fan-Gemeinde, damit beschäftigen sich immer noch Hendrix-Archäologen auf der Suche nach weiteren Fundstücken seines wundersamen Schaffens.

„Starting at Zero“ lässt Hendrix sprechen, versammelt Gedanken seiner Weltsicht von der Geburt 1943 bis zum Tode im September 1970 kurz nach seinem allerletzten spektakulären Auftritt an Fehmarns stürmischer Westküste und beseitigt manches Vorurteil: „Sie analysieren mich und drucken psychologische Gutachten ab und verstehen mich nicht mal im Ansatz. Die haben echt keine Ahnung, wie ich ticke “, schrieb er.

Wenn auch viele Textstellen Hendrix-Liebhabern bekannt sind, liegt der Wert der Veröffentlichung in der erstmaligen Präsentation der wohl umfänglichsten Auswahl von Selbstzeugnissen, die einer nachträglichen Autobiografie nahe kommt. Acht Kapitel, acht Epochen eines 27-jährigen Lebens voller Widersprüche, irdischer und überirdischer Betrachtungen und Visionen. Hendrix beschreibt sich als kleinsten ärmlichen Verhältnissen entwachsen, Opfer einer rassistischen Gesellschaft. Mit „vierzehn oder fünfzehn“ begann er erst, im Hinterhof ernsthaft zu üben. Gitarrenstunden habe er nicht besucht — „ich brachte mir alles durch Schallplatten und Radiohören bei“.

Er spielte sich hoch im Rock-Business bis zur Abbruchkante kurz vor seinem frühen Tod, als er meinte, musikalisch auf der Stelle zu treten. Er hatte musikalisch umsatteln wollen, wachsen, Bach, Händel, Muddy Waters, Flamenco zusammenzubringen, den Blues über allem schweben lassen. Weiter und neu „verrückt“ spielen. Und den Planeten verlassen, wenn ihm das nicht mehr gelingt.

Mit 27 Jahren verglüht

Den Planeten verließ der höchst erschöpfte Hendrix sehr bald aus anderem Grund: Das Rock- und Pop-Geschäft hatte ihn vier Jahre durch die Welt getrieben und aufgefressen, der Drogenkonsum gab ihm den Rest — ending at zero. Es bleiben die galaktischen Nachklänge eines Musik-Akrobaten, der bis heute herausragt. Sein schlichtes Vermächtnis: „Wenn ich sterbe, hört euch meine Platten an.“

Die Textsammlung „Starting at Zero“ bringt dieses Genie menschlich etwas näher, beseitigt dabei auch manch fragwürdiges Bild vom eigensinnigen „Held in tausend Gestalten“, lässt ihn als riskanten Gedankenspieler erscheinen, der mit 27 Jahren verglühte. Eine Offenbarung nicht nur für Hendrix-Liebhaber, Herausgeber Peter Neal will übrigens 2014 doch noch den ursprünglich geplanten Dokumentarfilm fertigstellen. Rohstoff dafür der gerade erschienene Band „Starting at Zero“.

Ich wurde in Seattle, Washington, USA, am

27. November 1942 im Alter von null Jahren geboren.“Jimi Hendrix

„Jimi Hendrix: Starting at Zero“, herausgegeben von Peter Neal, aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurz, Heyne, 288 Seiten, 22,99 Euro

Paul Kulms

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