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Kultur im Norden Ein Pakt mit dem Teufel
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21:22 03.07.2013
Keine Gnade mit dem gefeierten Schauspieler nach der Kapitulation des Deutschen Reiches: In dieser Filmszene erfährt Heinrich George (Götz George, r.) von Gardehauptmann Schmyrjow (Jevgenij Sitochin), dass er in ein Speziallager geschickt wird. Quelle: Foto: ARD

Was für ein Tier! Was für ein Gewaltmensch! So spricht der Sohn über den Vater, so charakterisiert Götz George (74) seinen Vater Heinrich, der 1946 im Alter von 52 Jahren im sowjetischen Lager Sachsenhausen starb. „So etwas wäre heute gar nicht mehr möglich“, sagt der Sohn, „die damalige Zeit war gigantisch, die heutige Zeit ist Mittelmaß.“

Diese Sätze sind gefährlich. Götz George sagt sie auf der Premiere des Films, in dem er seinen Vater spielt. 113 Minuten versucht der Sohn, dem Brachial-Mimen Heinrich George gerecht zu werden. Dem Besessenen, der, um weiter in Deutschland auftreten zu können, sich mit Haut und Haaren den Nazis ausliefert. „George“ heißt der Film von Regisseur Joachim Lang schlicht, er läuft am 22. auf Arte und am 24. Juli im Ersten. Am Dienstagabend war Premiere im Berliner Kino Babylon Mitte. Umjubelte Ehrengäste: Götz George und sein älterer Bruder Jan (82), der dem Vater viel ähnlicher sieht und der in seinem Berliner Haus alles sammelt, was mit Heinrich George zu tun hat.

Aber es ist Götz George, der auf der Leinwand zu Heinrich wird. „George“ ist eine bemerkenswerte filmische Mischung aus Schauspiel, Interviews und Dokumentaraufnahmen. Es ist mehr als ein Dokudrama.

Der Film ist ein intensives Kammerspiel, in dem der Sohn mal als er selbst, mal als Heinrich auftritt. Im Wechselschnitt werden die beiden Georges in denselben Rollen gezeigt, als Götz von Berlichingen, als Puschkins Postmeister. Götz George verschmilzt mit dem Vater, der auf dem Höhepunkt seines Schaffens 25 Jahre jünger war, als der Sohn jetzt ist — und mindestens einen Zentner massiger. Die Maske ist perfekt, und dennoch scheitert der Sohn an der schieren Masse und Genialität des Bauch-Schauspielers George. Und der Film scheitert daran, diesen Menschen und seinen Pakt mit dem Teufel zu erklären.

Der Film ist grandios anzuschauen. Aber es gibt ein Problem, das auch die hervorragende Machart nicht beiseiteschieben kann. Zwar verschweigt „George“ nichts von dem, was Heinrich George belastet.

Nicht die Dankesworte an Adolf Hitler bei der Eröffnung des Schiller-Theaters 1938, sechs Tage nach der Progromnacht. Nicht seine Hauptrollen in den Veit-Harlan-Propagandafilmen „Jud Süß“ und „Kolberg“. Nicht seine Teilnahme bei der Sportpalast-Rede, als Goebbels „Wollt ihr den totalen Krieg?“ brüllte und der Saal ihm zujubelte. Und auch nicht seine Durchhalteparolen im „Völkischen Beobachter“ kurz vor Kriegsende. Das alles spricht der Film an, doch weitaus mehr Zeit wird verwendet, es zu relativieren, es zurechtzurücken, wie es Heinrich Georges Söhne nennen. Harlan zum Beispiel fehlt im Film, breiten Raum hingegen nehmen die jüdischen Schauspieler ein, die George als Intendant des Schiller-Theaters retten konnte. „Er wurde benutzt, und er ließ sich benutzen“, ist Götz Georges Fazit über seinen Vater.

Zehn Jahre lang hat Regisseur Lang an diesem Projekt gearbeitet, 15 Drehbücher kursierten. Götz George fand sie alle „zu kleinkariert“. Schließlich „überwand er sich“, die Rolle doch anzunehmen. Und konnte sich bei der Premiere nicht überwinden, darüber viele Worte zu verlieren. Zwar feierte ihn das Premierenpublikum, doch George schimpfte nur auf die „google-intellektuellen“ Journalisten, „die meinen Vater nicht kannten und die die Zeit nicht kannten“.

Regisseur Lang sagte auf der Premiere: „Unsere Vereinbarung war von Anfang an, dass die Biografie nicht geschönt wird.“ Daran hält er sich — doch die Wucht des Berserkers Heinrich und die Verehrung der Söhne Götz und Jan lassen den „George“-Film Schlagseite bekommen.

Er wollte nur spielen, um jeden Preis. Das ist die Aussage des Films. Eine Erklärung ist es nicht.

„George“ läuft am Montag, 22. Juli, um 20.15 Uhr auf Arte und am Mittwoch, 24. Juli, um 21.45 im Ersten.

Sympathie für den Kommunismus
Heinrich George wird am 9. Oktober 1893 als Georg Heinrich Schulz in Stettin (heute Szczecin) geboren. 1921 kommt er nach Berlin, Max Reinhardt holt ihn ans Deutsche Theater. Ab 1925 spielt George an der Berliner Volksbühne, zusammen mit Erwin Piscator und Bertolt Brecht macht er linkes Agitprop-Theater. Er steht den Kommunisten nahe.

1931 spielt er den Franz Biberkopf in der Verfilmung von Döblins „Berlin Alexanderplatz“. 1938 wird George Intendant des Schiller-Theaters. Er bietet verfolgten Schauspielern eine Beschäftigung. 1940 spielt George in Veit Harlans Hetzfilm „Jud Süß“, 1945 auch im Durchhaltefilm „Kolberg“. Nach Kriegsende verhaftet ihn die Sowjets. Am 25. September 1946 stirbt Heinrich George im Speziallager Sachsenhausen. 1998 wird er von den russischen Behörden rehabilitiert.

Jan Sternberg

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