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Kultur im Norden Ein Phantom der Oper in der Achterbahn der Gefühle
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20:10 15.10.2015
Buntes Völkchen: Inmitten der Freak-Truppe (o.) nähert sich das Phantom der angebeteten Christine (Gardar Thor Cortes und Rachel Anne Moore, l.). Quelle: Fotos: Dpa, Stage Entertainment
Hamburg

Könnte man „Casablanca“ fortsetzen? Die Magie von Humphrey Bogart und Ingrid Bergman wiederbeleben? Bisher hat es noch niemand versucht — auch wenn es angeblich längst Pläne in Hollywood gibt. „Vom Winde verweht“ wurde fortgesetzt — doch wer kennt heute noch „Scarlett“ und die Verfilmung mit Timothy Dalton als Rhett Butler? Man sollte sich Fortsetzungen gut überlegen.

Andrew Lloyd Webber hat gewiss gut überlegt und es trotzdem getan. Er animierte Freund Frederick Forsyth, „Das Phantom von Manhattan“ zu verfassen, und machte daraus eine Fortsetzung seines Musicals „Das Phantom der Oper“, das 1986 uraufgeführt wurde, weltweit 130 Millionen Zuschauer anlockte, davon acht Millionen in elf Jahren in Deutschlands Musical-Hauptstadt Hamburg. Gemessen an den Erfolgsdimensionen des ersten Teils blieb der Erfolg von „Liebe stirbt nie“ bislang überschaubar. In London, als Musical-Metropole Europas Hamburg noch immer voraus, lief „Phantom II“ nur etwas über ein Jahr, nach New York, Musical-Hauptstadt der Welt, kam es gar nicht.

Nun aber taucht der vermeintliche Flop in Hamburg auf — und hat, versichert die Produktionsfirma Stage Entertainment ebenso wie Webber selbst, mit der von der Kritik verrissenen Londoner Vorlage nicht mehr viel zu tun. Denn zuständig für die Hamburger Inszenierung im Operettenhaus, wo 1986 mit dem Webber-Musical „Cats“ Hamburgs Musical-Ära begann, war ein Team aus dem australischen Melbourne, in das „Liebe stirbt nie“ 2011 emigrierte. Es steckte 7,5 Millionen Euro in eine fulminante Show und weiß damit die Stimmung eines US-Vergnügungsparks aus der vorigen Jahrhundertwende funkelnd zu inszenieren.

Zu diesen Parks gehörten oft auch „Freaks“, in damaligen Augen Missgestaltete, die die Grusellust des Publikums zu befriedigen hatten — eine Welt, in die das missgestaltete „Phantom“ dramaturgisch bestens passt und die schon 1932 im umstrittenen Film von Tod Browning im Mittelpunkt stand.

In Coney Island nahe New York hat sich das einst in der Pariser Opern-Unterwelt verschwundene Phantom sein ganz eigenes Varieté-Theater „Phantasma“ aufgebaut, leidet aber an Kreativ- Schwund, für den es die Trennung von seiner geliebten Muse Christine verantwortlich macht. Als die schließlich die USA besucht mitsamt Ehemann Raoul und Sohn Gustave, lockt der Halbmaskenmann die drei auf sein kreischbuntes Anwesen, so dass hinreichend Anlässe für familiäre Verwirrungen und emotionale Ausbrüche vorliegen.

Und natürlich gibt‘s neben handelsüblichem Melodien-Schwarzbrot aus dem Hause Webber auch Arien-Torte mit extra Zuckerguss. Die gebürtige Amerikanerin Rachel Anne Moore (30) sorgt dabei für den Gänsehautmoment der Inszenierung: Wenn sie den Titelsong anstimmt, „Liebe stirbt nie“, im glitzernden Pfauenkleid mit unendlich langer Rüschenschleppe, und die ewige Liebe beschwört, die sie und andere jeweils für die verschiedensten Protagonisten empfinden, dann hört alle Gaukelei im Freak-Panoptikum auf. Das Publikum hält den Atem an, um sodann im heftigsten Applaus zu explodieren.

Das ist ihr Moment, auch wenn der von Webber selbst für die Titelrolle erkorene isländische Tenor Gardar Thor Cortes (41) stimmlich keineswegs zweiter Sieger ist. Beeindruckend auch Kim Benedikt als kleiner Gustave auf der Suche nach seinem Vater in den Abgründen von Phantasma. 30 Darsteller zwischen 1,09 und 1,90 Meter (ohne Stelzen), 300 Kostüme und die Wunder modernster Bühnentechnik helfen neben den großen Stimmen und auch einigen Liedern mit längerem Haltbarkeitsdatum über manche Story-Schwäche hinweg. Man sollte hineingehen wie in eine Achterbahn: Einfach genießen, nicht allzu viel drüber grübeln.

„Liebe stirbt nie — Phantom II“ im Operettenhaus Hamburg (Reeperbahn), Tickets unter 01805 44 44

Kassenschlager am laufenden Band
Andrew Lloyd Webber, geboren am 22. März 1948 in London, ist der erfolgreichste Musical-Komponist der vergangenen Jahrzehnte. Er ist Oscar-, Golden-Globe- und Grammypreisträger. Er begann bereits im Alter von sechs Jahren zu komponieren, gemeinsam mit dem Texter Tim Rice schrieb er sein erstes Musical „The Likes of Us“ 1965. Andrew Lloyd Webbers Musicals wie „Cats“, „Evita“
oder „Das Phantom der Oper“ liefen teilweise jahrzehntelang im Londoner West End oder am New Yorker Broadway. Viele seiner Songs wurden Welthits, zum Beispiel „Don‘t Cry for Me Argentina“ aus „Evita“
oder „Memory“ aus „Cats“. Lloyd Webber wurde von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen und später zum Baronet ernannt, wodurch er Mitglied des Oberhauses ist.

Michael Wittler

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