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Ein Piaf-Abend fast ohne Édith Piaf

Lübeck Ein Piaf-Abend fast ohne Édith Piaf

Akkordeonist Richard Galliano und Gitarrist Sylvain Luc mit einem sehr französischen Jazz-Programm.

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Zwei, die sich ausgefuchste musikalische Phrasen zuwerfen: Gitarrist Sylvain Luc und Richard Galliano in der Kulturwerft Gollan.

Quelle: Foto: Olaf Malzahn

Lübeck. Angekündigt war eine „Hommage à Édith Piaf“, also eine Huldigung der französischen Chanson-Ikone, deren Lieder ein tragisches Leben wiederspiegelten. Was man allerdings serviert bekam in der Lübecker Kulturwerft Gollan, war ein Jazz-Konzert zu gallisch-folkloristischen Themen, gespielt von zwei Musikern, denen alles Tragische fremd zu sein scheint:

Richard Galliano, französischer Akkordeonist von Weltruf, und Sylvain Luc, ein klassisch geschulter Jazz-Gitarrist aus dem Baskenland, präsentierten einen Stil, der sich als „New Musette“ in der Musikwelt etabliert hat – Galliano verbindet Chanson-Tradition mit dem Swing und der Improvisationsfreude des Jazz.

Das, was man in verrauchten Clubs einmal After-Hours-Stimmung nannte, herrscht hier bereits zu Beginn: Die beiden Musiker werfen sich ausgefuchste musikalische Phrasen zu, als säßen sie schon seit Stunden auf der Bühne und arbeiteten an den Harmonien. Überhaupt die Harmonien: Dass das Chanson eine komplexe Sache ist, das demonstrieren Galliano und Luc auch bei eigentlich schlichten Stücken wie „Douce joie“ von Gus Viseur. Sie marschieren nicht einfach durch den Quintenzirkel, sie haben für jede Viertelnote eine neue harmonische Erweiterung auf Lager, die sie ganz beiläufig vorbeigleiten lassen. Und sie belassen es nicht bei klar konturierten Liedern, sie können auch Free-Jazz-Ausflüge integrieren samt Clustern und Geräuschen. Das Akkordeon darf aufschnaufen, stöhnen, auch unanständig fiepsen, der Regen spielt auf dem Hallendach mit.

Ganz bei sich sind die beiden Virtuosen bei ihren hingebungsvollen Improvisationen. Da klingen Django Reinhardt, der Urvater des Jazz Manouche, und dessen Quintette du Hot Club de France durch. Da wird die Gitarre auch als Rhythmusgerät eingesetzt, Galliano entlockt seinem Gerät erstaunliche Vibratos und Glissandi. Die Stücke enden mit Pointen – ein Musette-Walzer wird zur Fado-Klage, zu Astor Piazzollas „Libertango“ oder mündet in die „Marseillaise“.

Schade, dass die beiden ihr Konzert nicht moderieren, so bleibt bei vielem Komposition und Idee unklar. Und die Piaf? „Sous le ciel de Paris“ und „La vie en rose“ erklangen in der freien Version des Duos, das es verstand, auch solche Gassenhauer zu kleinen Suiten zu erweitern. Gesang wurde übrigens nicht vermisst.

mib

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