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Ein Pianist, der Bücher schreibt

London Ein Pianist, der Bücher schreibt

Alfred Brendel feiert heute in London seinen 85. Geburtstag.

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Alfred Brendel bei einem Auftritt in Luzern.

London. . Erst vor ein paar Wochen machte er wieder von sich reden. „Music, Sense and Nonsense“, heißt das Buch, das ein Londoner Verlag herausgibt.

Musik, Sinn und Unsinn — allein der Titel ist typisch Alfred Brendel. Über Jahrzehnte galt er als einer der bedeutendsten Pianisten für klassisch-romantische Musik. Ganz nebenbei als feinsinniger Literat — und als Autor mit skurrilem hintersinnigem Humor. Heute wird er 85 Jahre alt.

„Es ist schwer, sich auch nur eine lebende Persönlichkeit vorzustellen, die ein solches Buch produzieren könnte“, so der „Guardian“ über den in Großbritannien lebenden Brendel. Und:

„Er schreibt wie ein Pianist.“ In dem neuen Buch ist Neues und Altes zusammengefasst. Vor keinem Thema scheut der große alte Mann zurück. „Falls man im Paradies  immerzu Verdi hören muss“, schreibt er, „dann würde ich um Urlaub und um einen gelegentlichen Besuch in der Hölle bitten.“

Seine Lieblingskomponisten, deren Werke er immer wieder spielte, waren Beethoven, Schubert und Haydn. Brendel  war der erste Pianist, der Beethovens Klavierwerke komplett aufnahm. Aber auch als Liedbegleiter fungierte er, etwa für Dietrich Fischer-Dieskau. Er galt während seiner gut fünf Jahrzehnte langen Karriere als hochseriöser, ausgesprochen uneitler Musiker ohne Allüren — großmächtige Selbstdarsteller auf der Bühne waren ihm ein Graus. Auch damit hob er sich wohltuend ab. Allerdings drohte er, so in Lübeck, auch mit dem Abbruch eines Konzertes, als ihm im Publikum zu viel gehustet wurde.

Brendel ist ein Wanderer zwischen den Welten. Der 1931 im nordmährischen Wiesenberg (heute in Tschechien) Geborene hat Deutsche, Österreicher sowie Italiener und Slawen als Vorfahren. Als er drei war, zogen die Eltern an die kroatische Adriaküste. Dort hatte er die erste Begegnung mit Musik, wie er selbst erzählt: Im Hotel seiner Eltern  legte er mitunter Schallplatten auf.

Groß und hager, ein wenig nach vorne gebeugt, stets die altmodische dicke Brille auf der Nase — so kennt ihn sein Publikum. Kritiker loben, er habe niemals extrem gespielt, immer mit dem rechten Maß. Mit Leichtigkeit habe er musiziert, präzise, seriös. Im Dezember 2008 verabschiedete sich Brendel vom Konzertleben — bereut hat er es offenbar nie. Er hat  ja seinen Zweitberuf.

Peer Meinert

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