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Ein Preis für das Überleben von Neuer Musik

Reinbek Ein Preis für das Überleben von Neuer Musik

Die Britin Anna Clyne hat mit dem Hindemith-Preis einen Kompositionsauftrag erhalten.

Reinbek. Neue Musik hat es schwer. Auch wenn Eberhard Schmidt-Elsaeßer, Staatssekretär im Kieler Kulturministerium, meint, dass das Publikum für avantgardistische Klänge sich deutlich vermehrt habe. Der SPD-Mann hatte die Aufgabe, im Schloss Reinbek den Hindemith-Preis der aus London stammenden, in den USA lebenden Anna Clyne (36) zu übergeben. Die Auszeichnung, ins Leben gerufen von der Schweizer Hindemith-Stiftung, soll „herausragende zeitgenössische Komponisten“ fördern und ihre Überlebenschancen als Neutöner erhöhen. Sie ist mit immerhin 20000 Euro dotiert, die von den Schweizer Nachlassverwaltern des Paul Hindemith, vier weiteren Stiftungen, der Stadt Hamburg und dem Land Schleswig-Holstein aufgebracht werden.

Mit dem Preis ist ein Kompositionsauftrag verbunden, das Kammermusikstück, das Anna Clyne nun schreiben soll, wird im kommenden Jahr bei der Hindemith- Zeremonie aufgeführt werden. Zunächst stand am Dienstagabend die Uraufführung eines Werks von David Philip Hefti (31) an, Schweizer und Preisträger 2015.

Zwei Expertinnen für Neue Musik, die lettischen Schwestern Baiba (Geige) und Lauma Skride (Klavier), gingen das mit einigen mikrotonalen Intervallen gespickte „Poème noctambule“ (Gedicht eines Nachtschwärmers) mit souveräner Gelassenheit an. Zunächst ist das Summen der gedämpften Geige zu hören, Klavier-Geflitter scheucht ein Insekt auf, das schwirrt um eine imaginäre Lichtquelle. Gegen Schluss ertönt ein immer höher steigender und immer befreiter klingender Ton. Fliegenklatsche! Aus.

Heftis Miniatur demonstrierte, wie mit fein ziselierten traditionellen Mitteln Neues entstehen kann, ein kleines Hörspiel, das sich für jeden im Publikum sicherlich anders darstellte.

Zur Jury-Entscheidung für die aktuelle Preisträgerin verriet Andreas Eckhardt, Präsident der Hindemith-Stiftung, dass Anna Clyne sich vom Gros der Neutöner abhebe, weil sie sich nicht dem Rigorismus unterwerfe, der in der Avantgarde vorherrsche, und nicht „intellektuell hochtoupierte“ Klänge abliefere, sondern zugängliche Musik.

Nun ja. Baiba Skride spielte ein Stück von Clyne mit dem Titel „Rest These Hands“ aus dem Zyklus „The Violin“ . Die Komponistin selbst eröffnete es mit den gehauchten Titelworten, um dann zum zweistimmigen Klagegesang der Geige animierte Zeichnungen auf einen Bildschirm zu projizieren, Collagen, die aus einem alten Lexikon zu kommen scheinen.

Stimmt sie noch oder spielt sie schon? Das möchte man zu Beginn die Solistin fragen, wenn ein Elefant über einen sepiabraunen Hintergrund hoppelt. Die Komposition entwickelt sich dramatisch zur virtuosen Solo-Partita und wäre ohne die Aufmerksamkeit fordernde Bebilderung wesentlich zugänglicher. Bis am Schluss die Klage wieder einsetzt, wird das Publikum mit optischen Eindrücken bedacht, die das freie Assoziieren, wie es bei Hefti möglich war, verhindern.

Die etwas scheu wirkende Anna Clyne schien die Preis-Prozedur mehr über sich ergehen zu lassen als zu genießen. Nein, nein, wehrte sie anschließend ab, der Hindemith-Preis sei schon eine große Sache für sie. Viele Komponisten lebten schließlich von solchen Preisen, ohne sie keine Neue Musik.

Clyne selbst kann sich nicht beklagen, sie hat feste Abnehmer. Das Baltimore Symphony Orchestra zum Beispiel, das sie derzeit als Hauskomponistin beschäftigt, auch Ensembles, die sich auf zeitgenössische Musik spezialisiert haben. Und eine Reihe von Tanzcompagnien, für die sie regelmäßig Ballette schreibt. Das Schicksal anderer Hindemith-Preisträger wird sie also nicht teilen. Von denen hat man anschließend nur noch wenig gehört.

Michael Berger

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