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Kultur im Norden Ein Preis für die Reporterin
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19:16 08.03.2018
Ort der Tragödie: Am 22. Juli 2011 erschoss der Norweger Anders Breivik auf der Insel Utøya 77 Menschen, die Autorin Åsne Seierstad hat die Ereignisse in „Einer von uns“ verewigt. Der Leipziger Buchpreis ehrt sie für ihr Schaffen. Quelle: Fotos: Dpa
Oslo

Bevor Åsne Seierstad als 23-Jährige nach Tschetschenien reiste, um den Norwegern daheim Erklärungen für den Krieg zu liefern, versprach sie ihrer Mutter: „Ich mache nichts, was gefährlich ist.“ Doch schon wenig später pfiffen die Kugeln über ihren Kopf hinweg.

Als Kriegsreporterin hat die Norwegerin Åsne Seierstad den Terror immer wieder hautnah gespürt. Dennoch waren die Taten des Massenmörders Anders Behring Breivik für sie unfassbar, auch wenn sie ihn nie getroffen hat. Aus ihrem Versuch, zu verstehen, wurde ein Bestseller.

Der Drang, die Welt und ihre Menschen darin besser zu verstehen, hat die Journalistin und Schriftstellerin in viele gefährliche Situationen gebracht. Als Reporterin für norwegische und schwedische Medien hat sie aus dem Irak, Afghanistan, Serbien und Russland berichtet.

Nun bekommt sie für ihren dokumentarischen Roman „Einer von uns“ über den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen. Bei den beiden Anschlägen am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya waren 77 Menschen ums Leben gekommen.

Heute ist das Leben von Åsne Seierstad weniger gefährlich. Mit ihren beiden Kindern und ihrem Lebensgefährten, dem Jazzmusiker Trygve Seim, lebt sie in einer alten Villa in Oslo. „Ich war damals sehr abenteuerlustig“, erzählt die heute 48-Jährige. „Ich wollte raus, etwas über andere Länder und Gesellschaften lernen.“ Deshalb zog sie noch während des Studiums nach Moskau, um nebenbei als Korrespondentin für das norwegische „Arbeiderbladet“ (heute „Dagsavisen“) zu arbeiten. Als sie den Auftrag bekam, über den Krieg in Tschetschenien zu schreiben, beschloss die 23-Jährige kurzerhand, dorthin zu fliegen. „Das war ja damals die einzige Möglichkeit, an Informationen zu kommen“, erzählt die Journalistin.

Mit viel Überzeugungskraft ergatterte sie einen Platz in einer Militärmaschine und fand sich wenig später im zerbombten Grosny wieder. Erst da sei ihr bewusst geworden, wie leichtsinnig sie war, erzählt Seierstad. „Ich hatte ganz schön Angst und bereute sofort, dass ich dorthin gefahren war.“

Eine Frau, die sie auf der Straße ansprach, nahm sie mit nach Hause, und dort blieb die junge Norwegerin. Ihre erste Reportage schrieb sie über diese Frauen, die auf die Heimkehr ihrer Männer warteten. Später schildert Seierstad in ihrem Buch „Der Engel von Grosny“ (2009) die Kinder, die auf sich gestellt und völlig verwahrlost in den Ruinen Grosnys um ihre Existenz kämpften.

Auch in ihrem 2002 erschienenen Buch „Der Buchhändler aus Kabul“ geht es nicht um den großen politischen Konflikt. Åsne Seierstad lebte fünf Monate im Haus der Familie eines Buchhändlers und beschrieb ihr Leben. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller und in 40 Sprachen übersetzt. Ihr Buch liest sich wie ein Roman, basiert jedoch auf Fakten. Dass die ruhige Frau mit den blonden Haaren über ihr eigenes Heimatland schreiben würde, war eigentlich nicht geplant. Nach den Anschlägen des Attentäters Anders Behring Breivik wurde sie in die Ereignisse hineingezogen. „Ich war so traurig und habe im Internet die Biografien der Opfer gelesen“, erzählt sie. Sie habe verstehen wollen, warum Breivik sein eigenes Land angriff, seine eigene Regierung. Warum er ohne jede Barmherzigkeit Jugendliche umbrachte, die er nicht gekannt hatte. Sie begann zu recherchieren, verfolgte den Prozess, las Breiviks Manifest, sprach mit Opfern, Angehörigen und Ermittlern. Auch mit Breivik wollte sie sprechen. Doch der lehnte ab: „Für mich bist du ein Raubtier“, schrieb er ihr. „Du wirst mich mehr verletzen als alle anderen.“ Doch er kam mit einem Angebot: „Ich kann mit dir zusammenarbeiten, aber nur, wenn ich das halbe Buch schreiben kann.“ Auch später schrieb Breivik ihr. Zu einem Treffen kam es jedoch nie.

Als ihr Buch „Einer von uns – Die Geschichte eines Massenmörders“ 2014 in Norwegen erschien, war es auf Anhieb ein Bestseller. Inzwischen ist es in 14 Sprachen übersetzt worden. Auch ihr jüngstes Buch „Zwei Schwestern: Im Bann des Dschihad“ wurde am Ende ein Buch über zwei Menschen, die sie nie getroffen hat. Es handelt von zwei somalischen Schwestern, die in Norwegen aufwuchsen und freiwillig nach Syrien reisten, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Seierstad beschreibt auf eindrucksvolle Weise den Versuch des Vaters, seine Töchter wieder nach Hause zu holen.

Kurzinterview mit der Autorin

Alle Ihre Bücher thematisieren politische Konflikte, was fasziniert Sie daran?

Das ist es, was unsere Zeit prägt. Die meisten Autoren schreiben über Konflikte, seien es persönliche oder politische. Meine beiden letzten Bücher sind der Versuch, die zu verstehen, die Europa ablehnen. Das gilt für Breivik, der Europa angreift, auch wenn er vorgibt, er wolle Europa retten.

Und das gilt für die beiden Mädchen, die nach Syrien gehen. Sie verneinen ja auch Europa, indem sie sich einer Terrorgruppe anschließen.

Verstehen Sie Breivik jetzt besser?

Ja, natürlich. Wir können uns nicht darauf beschränken, welcher Ideologie er sich angeschlossen hat. Wir müssen auch sehen, was ihn in seinem Leben dazu gebracht hat, dass er von so einem Reinheitsgedanken besessen war, von so einer faschistischen Ideologie.

Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat die Ereignisse auf Utøya verfilmt, weitere drei Filmprojekte sind in Arbeit, unter anderem eines, das auf Ihrem Buch basiert. Ist es zu früh?

Nein, wie können wir als Gesellschaft sagen, das ist zu früh? Nur weil es unsere Tragödie ist? Wenden wir dieselben Kriterien an, wenn es um Tragödien in anderen Ländern der Welt geht? Ist es zu früh, einen Film über Syrien zu machen?

Von Sigrid Harms

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