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Ein Priester, der Hitler die Stirn bot

Lübeck Ein Priester, der Hitler die Stirn bot

Vor 80 Jahren: Der ehemalige Lübecker Hauptpastor Wilhelm Jannasch stellt sich mit einer Denkschrift gegen die Nazi-Herrschaft.

Lübeck. Am 28. Mai 1936 verabschiedete die 2. Vorläufige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche ihre Denkschrift an Adolf Hitler. In später nie mehr erreichter Deutlichkeit kritisierte sie nicht nur den totalitären Anspruch der nationalsozialistischen Weltanschauung, sondern auch den Staatsantisemitismus, die Konzentrationslager und die Zerstörung des Rechtsstaats.

 

LN-Bild

Porträt von Wilhelm Jannasch (1888-1966). Er zog nach kurzer Haft im Lübecker Marstallgefängnis am Burgtor 1936 nach Berlin und schloss sich dort der Bekennenden Kirche an.

Quelle: Landeskirchliches Archiv Kiel

„Wenn der arische Mensch verherrlicht wird, so bezeugt Gottes Wort die Sündhaftigkeit aller Menschen, wenn dem Christentum im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhass verpflichtet, so steht für ihn dagegen das christliche Gebot der Nächstenliebe“, hieß es darin. Das Werden der Denkschrift ist eng mit Wilhelm Jannasch verbunden, der sie am 4. Juni persönlich in der Reichskanzlei abgab.

Jannasch, 1888 im schlesischen Gnadenfrei geboren, war seit Herbst 1914 Pastor der St. Aegidiengemeinde Lübeck. Durchaus national eingestellt kritisierte er schon früh die kirchliche Öffnung gegenüber der völkischen Bewegung, die auch in Lübeck zu beobachten war. Bereits 1931 schrieb er im Evangelischen Gemeindeblatt, dass auch „ein Sieg der nationalsozialistischen Bewegung die evangelische Kirche niemals veranlassen“ dürfe, „vor dem Antisemitismus der Nationalsozialisten zu kapitulieren und bei ihrer Judenfeindschaft einfach mitzumachen“.

Haft und Ausweisung

aus Lübeck

Es war eine Minderheitenposition, an der Jannasch auch nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler festhielt. Im April 1934 wurde der streitbare Hauptpastor „im Interesse des Dienstes“ in den Ruhestand versetzt, ein Jahr später musste er Lübeck nach siebentägiger Haft im Marstallgefängnis und der staatspolizeilichen Androhung der Landesverweisung die Hansestadt endgültig verlassen.

In Berlin war Jannasch in die Abfassung der Mai-Denkschrift maßgeblich eingebunden. Er gehörte zu jenen, die möglichst deutlich sprechen wollten. In einem Entwurf für eine Kanzelabkündigung schrieb er: Alle Christen sollten „unserem Staate und seinen Führern eine Mahnung“ sein, „mit wessen unbeugsamem Nein er in Sachen des Glaubens und des Gewissens zu rechnen“ habe. Dies waren deutliche und gefährliche Worte. So führte die Veröffentlichung der Denkschrift im Ausland zur Verhaftung des 1933 aus dem Staatsdienst entlassenen Landgerichtsdirektors Friedrich Weißler, mit dem Jannasch eng zusammengearbeitet hatte. Der Christ jüdischer Herkunft wurde im Februar 1937 im KZ Sachsenhausen buchstäblich zu Tode geprügelt.

1940 wurde Jannasch Pfarrer einer aus ihrer Kirche verdrängten Gemeinde in Berlin-Friedenau. In der Notgemeinde durften auch nach der gesetzlichen Einführung des Judensterns im September 1941 Christen jüdischer Herkunft am Gemeindeleben teilnehmen. Dies war keineswegs selbstverständlich. Beispielsweise rechtfertigten am 17. Dezember 1941 sieben evangelische Landeskirchen, darunter auch die Lübecker, den Beginn der Deportationen der „geborenen Reichs- und Weltfeinde“ mit der Autorität Luthers und dessen Aufforderung, Juden „aus deutschen Landen“ auszuweisen. Jannasch hingegen bekannte sich ausdrücklich zur Taufe und zur Gemeinschaft aller Christen. Seine Gemeinde wurde zu „einem Umschlagplatz für geheime Abreden und Hinweise“. Die Bedeutung dieser Solidarität für die Bedrängten lässt sich heute nur erahnen. Im Fall des jüdischen Ehepaars Max und Ines Krakauer, dem er Nachtasyl gewährte, leistete Jannasch einen Beitrag zu deren Überleben.

Keine Rückkehr

an die Trave

Nach Kriegsende sah sich Jannasch noch immer als rechtmäßiger Pfarrer der Landeskirche. Seine Rückkehr an die Trave wurde indes von der neuen Kirchenleitung abgelehnt, die sich aus Vertretern der Lübecker Bekenntnisgemeinschaft zusammensetzte. Im April 1946 forderte Propst Johannes Pautke, ab 1948 erster Lübecker Nachkriegsbischof, Jannasch zum Verzicht auf sein Pfarramt auf. Die kirchlichen und auch die persönlichen Gräben waren für seine Rückkehr zu tief. Nach harten Verhandlungen erfolgte eine Einigung erst im Oktober 1946, nachdem Jannasch auf Vermittlung von Martin Niemöller nach Mainz berufen worden war. Dort wirkte er als Gründungsdekan und Professor für Praktische Theologie. 1956 emeritiert, verstarb er zehn Jahre später im Alter von 78 Jahren in Frankfurt.

Der Historiker Hansjörg Buss ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Er hat zahlreiche Beiträge zur Lübecker Landeskirche verfasst. Seine Promotion „,Entjudete Kirche‘ – Die Lübecker Landeskirche zwischen christlichem Antijudaismus und völkischen Antisemitismus“ erschien 2011.

Vortrag von Hansjörg Buss zum 80. Jahrestag der Denkschrift der Bekennenden Kirche: „Die ,wichtigsten Hörer des gepredigten Wortes‘: Hauptpastor Wilhelm Jannaschs Einsatz für rassistisch Verfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus“, Aegidienkirche Lübeck , morgen, 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Veranstalter: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Hansjörg Buss

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