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Ein Punk an der Ostsee

Ein Punk an der Ostsee

Schorsch Kamerun aus Timmendorfer Strand erzählt in seinem Buch von der schönsten Zeit des Lebens.

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Hamburg. Kaputte Klamotten und bunte, stachelige Haare waren nicht eben angesagt in Timmendorf Ende der Siebzigerjahre. Und bunte, stachelige Gedanken auch nicht. Da bekam man leicht Ärger als Punk. Da landete der Kopf schon mal in der Fritteuse, da gab es schon mal Körperkontakt.

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Schorsch Kamerun aus Timmendorfer Strand erzählt in seinem Buch von der schönsten Zeit des Lebens.

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Schorsch Kamerun kennt das. Er ist groß geworden in Timmendorf, er war ein Punk an der Ostsee und hat jetzt ein Buch darüber geschrieben. Er nennt es einen Roman, und natürlich ist der autobiografisch, jedenfalls zu großen Teilen. Aber das sollte man nicht vertiefen, sagt er. Das spiele keine große Rolle und führe auch nicht wirklich weiter.

Jedenfalls war Punk damals eine große Erlösung. Er war das ganz Andere in einer verriegelten Umgebung, in der die Dinge ihren Gang gingen und dabei nicht gestört werden wollten. Es gab eine Menge Regeln und Verbote, es gab Lehrer, die mit einem Bein vor 1945 hängen geblieben waren. Und auf einem Schild am Café stand: „Hunde und Jugendliche haben keinen Zutritt.“ Da musste man raus, und der Weg führte nach Hamburg.

Hamburg war das Tor zur Gegenwelt. In Hamburg gründete Kamerun mit Freunden 1984 die Goldenen Zitronen, sie fanden hinein in eine Szene und eine Bewegung, in der viel probiert und noch mehr verworfen wurde. Die beweglich war, immer auf dem Sprung, und die sich sagte: Du nimmst jetzt diese Gitarre, sonst hau‘ ich sie dir über den Kopf.

Hier in dieses unruhige Biotop reichen wohl auch die Wurzeln des Theatermanns Schorsch Kamerun, der seit der Jahrtausendwende in vielen großen Häusern inszeniert hat, in Wien und Berlin, in München, Zürich und zuletzt am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Und eine Gastprofessur an der Akademie der Bildenden Künste in München hatte er auch.

Das ist eine ganze Menge für einen jungen Punk aus Ostholstein, der aus dem Konfirmandenunterricht und von der Realschule geflogen ist, der Kfz-Mechaniker gelernt hat und vor seiner ersten eigenen Inszenierung überhaupt erst zweimal im Theater gewesen war. Und davon einmal auch nur, weil bei Peter Zadeks „Andi“ im Hamburger Schauspielhaus die Einstürzenden Neubauten spielten.

Ist das Erfolg? Schwierig, sagt Kamerun. Er sitzt im Café Kraweel auf St. Pauli, wo er mit Freundin und kleinem Sohn um die Ecke wohnt, ein wacher Mann von 52 Jahren, der viel zu sagen hat und viel zu erzählen. Erfolg ist eine seltsame Formel, er kann damit nicht viel anfangen. Sie ist ihm mindestens verdächtig. Aber das war schon immer so, schon früher bei den Goldenen Zitronen, als sie vom Punk zum Fun Punk auswichen und dann, als Fun Punk das nächste große Ding zu werden schien, wieder etwas Neues machten. Sie wollten keinen Vertrag mit großen Plattenfirmen, sie wollten nicht in Stadien spielen. Und dann ging es immer so weiter.

Das ist natürlich eine schwere Übung, schneller sein zu wollen als sein Schatten. Dinge zu beklagen und, wenn die Klage zum handelsüblichen Gut wird, sie schon wieder schal zu finden. Kann man sich einrichten in der Verweigerung? Das sind Widersprüche, man kommt da nur schwer heraus.

Andererseits, wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, kann man es immerhin versuchen. Im Grunde bleibt einem ja kaum etwas anderes übrig. Also arbeitet sich Kamerun ab an diesen Widersprüchen.

Er hinterfragt sie, er hinterfragt sich und was es heißt, ein bekannter Teil des Kulturbetriebs zu sein. Genau wie Rocko Schamoni und Daniel Richter, Musiker, Bestseller-Autor und Entertainer der eine, Professor und einer der bekanntesten deutschen Maler der Gegenwart der andere, beide aus Lütjenburg stammend und beste Kamerun-Freunde seit gemeinsamen Ostsee-Punktagen bis heute. Oder wie Heinz Strunk, der gerade mit seinem Fritz-Honka-Buch für den Leipziger Buchpreis nominiert war, ein alter Freund auch er.

Sie haben vielleicht nicht durch die Institutionen marschieren wollen, aber sie sind trotzdem angekommen und müssen sich jetzt irgendwie dazu verhalten. Kamerun jedenfalls ist heute wieder öfter in Timmendorfer Strand. Er mag das Wort Heimat nicht, sagt er, trotzdem fühlt er sich dort wohl. Seine Mutter lebt da, sein Bruder, alte Freunde, und eine Hütte haben sie in der Gegend auch. Außerdem segelt er gern und mag das Meer, schon immer. Aber so etwas wie die Heimkehr des verlorenen und heute berühmten Sohnes, das ist mit ihm nicht zu machen. Und Genugtuung ist für ihn ebenfalls keine Kategorie. „Nein“, sagt er, „das lohnt sich ja auch nicht.“

„Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“ von Schorsch Kamerun, Ullstein Verlag, 250 Seiten, 18 Euro

Regisseur, Autor, Musiker

Schorsch Kamerun wurde 1963 als Thomas Sehl in Timmendorfer Strand geboren. Er wurde bekannt mit den Goldenen Zitronen („Am Tag, als Thomas Anders starb“), hat sich aber längst auch einen Namen als Theaterregisseur und Hörspielautor gemacht. Derzeit läuft am Hamburger Schauspielhaus sein Stück „Die disparate Stadt“, danach folgt ein Projekt in Stuttgart. Im Herbst wollen sich auch die Goldenen Zitronen wieder an die Arbeit machen. Kamerun gehört zudem zu den zentralen Figuren beim Hamburger Golden Pudel Club.

Von Peter Intelmann

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