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Ein Rapper schwafelt über Integration

Berlin Ein Rapper schwafelt über Integration

Langeweile auf 272 Seiten: Gestern erschien Bushidos neues Buch „Auch wir sind Deutschland“.

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In seinem neuen Buch übt er sich in der weichen Tour: Rapper Bushido.

Quelle: Foto: dpa

Berlin. Bushido predigt wieder Liebe statt Hass. Nach der Aufregung um die Beleidigungen und Mordaufrufe in seinem Lied „Stress ohne Grund“ lautet die neue Parole des 34-jährigen Rappers: „Deutschland schafft das!“ Seine integrationspolitische Schrift ist gestern unter seinem bürgerlichen Namen Anis Mohamed Youssef Ferchichi erschienen. Und zwar im Münchner Riva-Verlag, der spätestens seit den ebenfalls dort verlegten Ergüssen der Ex-Präsidenten-Ex Bettina Wulff als erste Adresse für Banalitäten jeder Art gilt.

Das Buch liest sich wie ein sehr langweiliger Abend in einem arabischen Männercafé — unter dem grellem Neonlicht seiner Prominenz eröffnet Bushido einen schwankenden Monolog zwischen Vernünftigem, wortreichen Bekenntnissen, Angebereien und sehr viel heißer Luft. Zu Beginn verteidigt Bushido seine Rolle als Integrations-Posterboy. Ich bin prominent, ich bin reich, ich bin ein Aufsteiger — also bin ich integriert. Hauptgewinn: Das Haus im bürgerlichen Berliner Stadtteil Lichterfelde-West. „Plötzlich steht der schwulenfeindliche ,Kanake‘ auf der Nachbarterrasse und schlachtet dort wahrscheinlich seine Lämmer. Genau das mache ich und freue mich darüber, dass ich hier leben darf in eurem Spießergetto, denn das ist Integration.“

Auf die Fresse, Vorortspießer — würde es so knallig-provokant weitergehen, wäre das Buch zumindest lustig. Schon vor der Veröffentlichung schoss es auf Spitzenplätze im Internethandel, ohne dass es eine einzige Besprechung gab.

„Auch wir sind Deutschland“ ist unglaublich öde. Das zusammen mit dem Berliner Journalisten und Labelbetreiber Marcus Staiger verfasste Buch ist kein schlauer Rap, sondern nur ewiges Geschwafel.

Der Leser verliert die Geduld, während Bushido versucht, so etwas wie ein integrationspolitisches Programm auf die Beine zu stellen — den Anti-Sarrazin zu geben, den der Buchtitel verspricht. Statt des alarmistischen „Deutschland schafft sich ab“ das hoffnungsvolle „Deutschland schafft das“.

Doch das Buch ist wenig mehr als eine Aneinanderreihung von Bushido-Anekdötchen, Andeutungen und Ausrastern. Er berichtet, wie er im Café herumschreit oder auf einem Damenrad kleine Jungs verfolgt, die ihn beleidigt haben. Bushido schwankt, widerspricht sich selbst, und das macht das Buch phasenweise dann doch spannend. Er verdammt die arabische Großfamilie als Ort des lähmenden Zwangs: „Sich einfach mal hinzusetzen, zu diskutieren, seine eigenen Gedanken und Bedürfnisse zu formulieren, das wird überhaupt nicht vermittelt, das gibt es einfach nicht.“ Andererseits feiert er diese Familien, besonders ihre starken Mütter, die den Laden zusammenhalten. Und er mag den Trubel: „Bei uns läuft man manchmal durch die Wohnung und dann sind das 20 Leute. Einfach so. Keine Party. Nur Familie.

Hervorragend!“

Das alles wäre harmlos, doch Bushido schafft es dann doch noch zu einem Skandälchen. Seine Frau Anna-Maria und er machen sich Sorgen, sie könnten einen schwulen Sohn oder eine lesbische Tochter bekommen: „Das wäre uns beiden höchst unangenehm“, schreibt er, „es wäre Absturz“. Das gehe aber dem bayerischen Bergbauern oder dem Universitätsdozenten genau so, glaubt der Rapper. Da bleibt nur die Hoffnung, dass die meisten Menschen einen Schritt weiter sind, als Bushido wahrhaben will.

„Auch wir sind Deutschland“ von Bushido, 272 S., 19,99 Euro, Riva-Verlag

Jan Sternberg

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