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Kultur im Norden Ein Traum im aufgeräumten Europa
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20:24 02.11.2013
Grenze des alten Dänemarks im heutigen St. Pauli: Erst 1871 wurde Altona der preußischen Provinz Schleswig-Holstein und damit dem Deutschen Reich zugeschlagen. Der Grenzstein markierte nur noch die Scheidelinie zwischen Hamburg und der Nachbarstadt Altona.
Lübeck

Das alte Europa war ein unaufgeräumter Kontinent. Es herrschte ein Durcheinander aus Fürstentümern, Konfessionen, Sprachen und Dialekten. Das französische Elsass sprach einen deutschen Dialekt. Ein Teil Preußens unterstand dem polnischen König. Im Osten Polens wurde Deutsch, Polnisch, Jiddisch, Ukranisch, Weißrussisch und Litauisch gesprochen, alles durcheinander. In den Städten Nordschleswigs sprach man viel Deutsch, in den Dörfern ringsum mehr Dänisch.

Jemand wie Karl Otto Meyer, der große alte Mann des Südschleswigschen Wählerverbandes (SSW), hätte sich im alten Europa vermutlich ganz gut zurechtgefunden: Ein Mann mit deutschem Namen und dänischem Herzen, der Deutsch und Dänisch perfekt spricht. Im Europa der Nationen und des Nationalismus dagegen war so jemand ein Fremdkörper. „Man darf doch ein Bundesland nicht von einem Dänen regieren lassen!“, schwadronierte der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß noch 1987, nachdem die Wahl des CDU-Politikers Uwe Barschel zum Ministerpräsidenten an Meyer gescheitert war.

Nationalismus — Sargnagel

des alten Europas

Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts war der erste Sargnagel des alten Europas. Aus Untertanen verschiedener Fürsten wurden Deutsche, Polen oder Dänen. Dann kam der Erste Weltkrieg. Aus Bewohnern der Grenzgebiete, die zu Hause eine andere Sprache benutzten als auf dem Amt, wurden nationale Minderheiten. Das alte Herzogtum Schleswig wurde geteilt in einen dänischen Norden und einen deutschen Süden. Dann kamen der Zweite Weltkrieg und die Vertreibungen. Im Elsass kämpften erst die deutschen Besatzer gegen alles Französische und dann der französische Staat gegen alles Deutsche.

Polen wurden aus der Ukraine vertrieben und Deutsche aus Polen. Staatsgrenzen wurden zu Sprachgrenzen. Erst war es Ideologie, dann Gewalt, dann Gewohnheit.

Seitdem ist Europa aufgeräumt. Wer eine Grenze überschreitet, findet es normal, wenn auf der einen Seite alle Leute die eine und auf der anderen Seite alle Leute die andere Sprache sprechen. Beim Aufräumen wurden viele Menschen ermordet, ausgeplündert, vergewaltigt, heimatlos gemacht. Es war ein geschichtsvernichtender, rücksichtsloser und unmenschlicher Prozess. Manche Überlebende leiden noch jetzt darunter. Das Erstaunliche und Erschreckende aber ist: Aus dem Wahnsinn von Nationalismus und ethnischen Säuberungen ist etwas Gutes erwachsen. Grenzkonflikte und ethnische Konflikte haben in den vergangenen Jahrzehnten in weiten Teilen Europas keine Rolle mehr gespielt. Gerade Deutschland hat mit keinem seiner vielen Nachbarn ernsthafte Probleme.

Und jetzt kommt Karl Otto Meyer und redet von Grenzverschiebung. Der Mann, der über Jahrzehnte in Deutschland Politik machte und sich über Parteigrenzen hinweg Ansehen erwarb, will die dänische Grenze an die Eider verlegen? In einer Zeit, in der alle vom grenzenlosen Europa, vom Europa der Regionen reden?

Karl Otto Meyer ist 85 Jahre alt. Er ist im Europa der Nationen aufgewachsen. Als er jung war, im Zweiten Weltkrieg, stand er vor der Wahl: Kampf für die Diktatur oder Kampf für die Freiheit, und diese Wahl bedeutete in seiner Lage das gleiche wie: Dänemark oder Deutschland. Als 16-Jähriger desertierte er aus der Wehrmacht und schloss sich dem dänischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer an. Nach dem Krieg blieb er in Südschleswig, obwohl es deutsch blieb, und machte das Beste daraus — für sich und für Schleswig-Holstein. Wenn er heute davon träumt, dass die dänische Minderheit eines Tages die Mehrheit und Südschleswig ein Teil Dänemarks werden möge: Wer könnte es ihm verdenken? Der Traum wird ohnehin nicht wahr werden, weder zu Meyers Lebzeiten noch danach.

Die türkische Minderheit

hat keinen Sonderstatus

Das aufgeräumte Europa hat es heute noch mit ganz anderen Minderheiten zu tun als mit den 50 000 Schleswig-Holsteinern, die sich zur dänischen Minderheit bekennen. Für die meisten Minderheiten geht es um ganz elementare Fragen von Respekt und Teilhabe. Das gilt für die etwa 5000 Sinti und Roma in Schleswig-Holstein, die wie die Dänen als nationale Minderheit anerkannt sind. Das gilt aber auch für die etwa 90 000 Einwanderer im Norden, die aus der Türkei stammen und keinen Sonderstatus haben. Grenzfragen sind für sie ohne Bedeutung.

Die Zeiten der Grenzverschiebungen zwischen europäischen Staaten sind vorbei. An allen deutschen Grenzen gibt es Berufspendler — auch zwischen Deutschland und Dänemark. Sie interessieren sich für praktische Fragen wie Steuern, Rente und Arbeitsrecht. Während Karl Otto Meyer von Grenzveränderung träumt, leben sie schon im neuen Europa.

Hoffnung des alten Dänen
Karl Otto Meyer (85, Foto); ehemaliger SSW-Landtagsabgeordnete, will die dänische Grenze nach Süden an die Eider verschieben (LN berichteten). In einem Interview des Magazins „Grænsen“, Organ des dänischen Grenzvereins, sagte er: „Ich kann mit der Grenze leben, so wie sie ist. Aber ich räume ehrlich und redlich ein, dass ich hoffe, sie eines schönen Tages zu verändern.“ Sein Traum sei, dass die Dänen durch eine höhere Geburtenrate die Mehrheit in Südschleswig stellen könnten. „Dann ändern wir ganz einfach die Grenze“, so Meyer im Interview.

Hanno Kabel

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