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Ein filmreifer Familienkrieg

Lübeck Ein filmreifer Familienkrieg

Schauspielchef Pit Holzwarth inszeniert „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams.

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Schauspielchef Pit Holzwarth.

Lübeck. Die neue Produktion in den Kammerspielen des Theaters Lübeck hat zwar einen Bühnenstoff zur Vorlage, doch sie muss sich mit großem Kino messen: „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ war 1958 in den USA und später auch in Europa ein grandioser Kassenschlager, wofür schon die Hauptdarsteller Paul Newman und Elizabeth Taylor sorgten. Der Film von Richard Brooks war für sechs Oscars nominiert, gewann keinen einzigen, ist aber ein zeitloser Klassiker geworden, der das Bild des zu Wohlstand gekommenen, aber zerstrittenen Südstaaten-Clans prägte.

Lübecks Schauspielchef Pit Holzwarth, der jetzt Tennessee Williams‘ Stück von 1955 auf die Bühne der Kammerspiele bringt, hält nicht viel von dem Blockbuster. Sein Interesse gilt dem Bild der Familie, das Williams zeichnet, und natürlich den Familiengeheimnissen, die in „Katze auf dem heißen Blechdach“ eine zentrale Rolle spielen. Die Clan-Mitglieder, die sich um den Patriarchen Big Daddy gruppieren, können sich gegenseitig nicht ausstehen, aber sie bleiben im System.

„Warum das so ist, darum kreist das Stück“, sagt Holzwarth. Im Film seien die Traumatisierungen der Personen nicht durchweg begründet, Regisseur Brooks habe die Geschichte gesäubert und nur noch ein Eifersuchtdrama übrig gelassen. Zum Beispiel sei die Homosexualität des älteren Sohnes von Big Daddy, Brick, aus der literarischen Vorlage getilgt worden. In den US-amerikanischen Spielfilmen der 1950er Jahre habe gleichgeschlechtliche Liebe nicht thematisiert werden können.

Holzwarth wollte mit der Wahl des Stoffes auch sein Ensemble fordern. „Es ist ein Schauspielerstück. Es ist fokussiert auf vier oder fünf Spieler, die die Handlung tragen.“ Der Regie müsse es gelingen, die Auseinandersetzungen, die über viele Textseiten anhalten, mit Spannung aufzuladen. Und vor allem müsse die Frage beantwortet werden: „Wie erzählt man die Zwiste jener Zeit, damit sie uns heute noch etwas sagen?“

Ähnliche Konflikte wie in Williams‘ Stück gibt es auch in Familienserien, die am Vorabend im Fernsehen laufen. „Doch die Sprache und die Sprachbilder, die der Autor dafür findet, die gibt es in keinem Fernsehfilm“, versichert Holzwarth. „Wie die gegenseitigen Erpressungen laufen, wie man den anderen abqualifiziert, wie sich die Gemeinheiten über die Generationen fortsetzen — das sind die Spuren, die wir verfolgen.“ Die Bühne will er „als eine Mischung aus Peepshow, Boxring und Wohnzimmer“ gestalten lassen.

Big Daddy, an dessen Geburtstag die Familie zusammenkommt, ist unheilbar krank, aber niemand sagt es ihm. Er wird von Andreas Hutzel gespielt. Während die anderen Familienmitglieder schon nach dem Erbe gieren, interessiert sich Sohn Brick nur für den Alkohol. Jochen Weichenthal spielt den gescheiterten Sportreporter. Seine Frau Maggie, die dem Patriarchen mit einer Schwangerschaft imponieren will, wird von   Marlène Meyer-Dunker dargestellt.

Tennessee Williams selbst, der 600000 Dollar für die Filmrechte einstreichen konnte, riet übrigens seinen Lesern davon ab, den Film zu sehen. Sie sollten lieber ins Theater gehen.

mib

Premiere: Freitag, 29. Januar, 20 Uhr, Kammerspiele.

LN

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