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Kultur im Norden Ein gesellschaftlicher Alptraum
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19:14 19.09.2016
Aus Angst wird Hysterie: Sayouba Sigué (l.) und Sachiko Hara (r.) bei der Premiere von „Hysteria“ Quelle: Friedemann Simon

Kein Laut dringt aus dem Haus, die Menschen bewegen sich hinterm Glas wie im Aquarium. Der Hausherr rubbelt putzsüchtig an der Scheibe, die schwangere Ehefrau äugt hinaus ins Dunkel des Auditoriums. Man sieht sie nervös gestikulieren und in tonloser Unterhaltung. Das hat natürlich seine komische Wirkung; und noch könnte eine dieser britisch brillanten Konversationskomödien daraus werden. Schließlich ist erstmal Housewarming-Party angesagt in Karin Beiers Saisoneröffnungsstück „Hysteria“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Linda und Robert haben eingeladen ins neue Heim, nach jahrelangem Auslandsaufenthalt zurück in der Heimat. Eine illustre, multikulturelle Gesellschaft findet sich ein und verstrickt sich erstmal im süffigen Geplänkel, zu dem die Intendantin auch den Ton wieder zuschaltet. Dann taucht ein wachsamer Nachbar auf – als ungebetener Gast und Partyschreck. Wie dieser Kerl, den Michael Wittenborn leicht desolat vorstellt, für den Eintritt in die Bürgerwehr wirbt, von denen da draußen schwafelt und von der Gefahr zu großer Fenster, das kippt den Abend gründlich aus der Spur.

Das ergibt köstlich absurde Momente, in denen die Schauspieler als gewiefte Komödianten glänzen. Der großspurige Arzt und Vernunftapostel (Markus John), der im Umgang mit seiner kunstambitionierten Gattin (Sachiko Hara) den Hang zur Gewalt durchscheinen lässt. Die todkranke Margaret (Angelika Richter), die die Welt als Code sieht, deren Zeichen nur noch zu entschlüsseln sind. Der fluffige Hausherr (Paul Behrens), sein cooler Chef (Sayouba Sigué). Zwischen diesen schrägen Typen wirkt Julia Wieningers Linda wie eine Außerirdische.

Aber Intendantin Beier, die das Stück nach Motiven aus Filmen des Surrealisten Luis Bunuel entwickelt hat, geht es um mehr als um Komödie. Nicht umsonst thront das Haus, von Bühnenbildner Johannes Schütz mit viel Glas nach der aktuellen architektonischen Gehobener-Mittelstands-Mode gestaltet, wie ein Raumschiff auf der Drehbühne. Angriffsziel und Festung zugleich. Dort sieht man erst die Unsicherheit einbrechen in die Selbstgewissheit der Leute, dann die Paranoia grassieren wie eine rasant um sich greifende Seuche. Erst bittet nur einer bei der hochschwangeren Linda um Übernachtung, dann hat sie alle am Hals. Und während sich die derangierte Gesellschaft noch in rituellen Tänzen verliert, geht die Einrichtung zu Bruch, werden Rangeleien zu Kämpfen. Und bald ist klar: Die Bedrohung ist nicht da draußen, der Feind sind sie selbst.

Vorstellungen im Deutschen Schauspielhaus Hamburg: 21. September, 1., 9., 23. Oktober. Kartentel. 040/248713.

R. Bender

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