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Kultur im Norden Ein herrischer König spielt sich in den Wahnsinn
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20:25 26.10.2013
Der jähzornige König, umgarnt von einer seiner hinterlistigen Töchter: Robert Brandt mit Anne Schramm als Regan. Quelle: Fotos: Thorsten Wulff
Lübeck

„Ich bin alt“, so lautet die finale Erkenntnis des ehemals mächtigen Herrschers von Britannien. Doch nun hat dieser König Lear nicht nur sein Land und den Verstand verloren, auch seine drei Töchter haben in einem blutigen Kampf voller Intrigen und falscher Loyalitäten ihr Leben gelassen.

Pit Holzwarth, Schauspielchef des Lübecker Theaters, hat Shakespeares Drama „König Lear“ in einer bemerkenswerten Fassung auf die Bühne gestellt. Die Machtkämpfe, in die alle Figuren aus Shakespeares Dramen verstrickt sind, entspringen bei Holzwarth weniger politischem Kalkül, es geht dem Regisseur vielmehr um familiäre Verwerfungen. „Familienaufstellung nach Holzwarth“ könnte man seine Versuchsanordnung nennen. Auch wenn er erklärtermaßen kein Anhänger der Methode des Bert Hellinger ist, die Inszenierung kann als Aufriss eines Beziehungsgeflechts gelesen werden: Die Schauspieler sind Stellvertreter der eigentlichen Figuren, sie positionieren sich in einem räumlichen und emotionalen Verhältnis zueinander.

Stellvertreter sind sie schon deshalb, weil — bis auf Robert Brandt, der den Lear spielt — alle Darsteller zwei bis vier Rollen einnehmen. Das eröffnet dem Regisseur einen wunderbaren Spielraum für rasante Kostüm- und Personalwechsel, dramatische Zuspitzung — und auch für Witz und Slapstick.

Die Schauspieler verwandeln sich auf offener Bühne, Anne Schramm, soeben noch Lears unterwürfig-raffinierte Tochter Regan, hat plötzlich einen brillanten Auftritt als Edgar, Sohn des Gloucester, androgyn wie Michael Jackson. Will Workman tritt als vorlauter Narr immer wieder aus seiner Rolle heraus und wendet sich, wenn die Kollegen Kulissen schieben, ans Publikum, die Armut des Theater beklagend: „Personalknappheit — wir haben jetzt Umbauverpflichtung im Vertrag.“ Er schart die Ritter aus Lears Tafelrunde um sich, die, Pickelhauben auf dem Kopf und Tutus um die Hüfte, in einem grotesken Ballett höfische Ausschweifung karikieren.

Die Geschichte vom amtsmüden König, der sein Reich unter seinen Töchtern aufteilen will und von diesen einen Liebesschwur einfordert, wird durch die Rollenwechseln ständig beschleunigt. Die Parallelhandlung um den Grafen Gloucester und seine ungleichen Söhne verschränkt sich eng mit dem Lear- Drama: Die Heuchler werden erhört, die Liebenden verstoßen.

Das Bühnebild, das Holzwarths ständiger Ausstatter Werner Brenner geschaffen hat, ist schlicht: In der Decke öffnet sich ein runder Schacht, verschiebbare Leuchtelemente am Boden zeigen, je nachdem, wie die Schauspieler sie gruppieren, Ordnung oder Chaos an. Schrankkoffer dienen den Figuren als Rückzugsraum und der Regie für zauberhafte Hütchenspielertricks: Kaum meint man, dass Lear und sein Narr in einem der Koffer wie in einem Kerker eingesperrt sind, spazieren beide über die Bühne und grinsen sich was.

Die Komik macht nach der Pause der Tragödie Platz: Der zuvor jähzornige und gewalttätige König kommt als Clown zurück, mit Brüsten und Schwangerschaftsbauch albert er so kindlich wie weise herum, wirkt so lächerlich wie tragisch. Und verwandelt sich schließlich in ein unheimliches Wrack — völlig nackt tobt Brandt über die Bühne, sein Körper krampft, er ist jämmerlich in seiner Niederlage.

Es ist eine Paraderolle für Robert Brandt, er ist ein darstellerisches Ereignis. Und auch Andreas Hutzel, Susanne Höhne, Anne Schramm, Julius Robin Weigel, Sarah Wortman spielen sich die Seele aus den stark beanspruchten Körpern. Narr Will Workman sowieso.

Keine Einwände? Doch, eineinhalb: Das Spiel der Darsteller mit Mikrofonen ist gelegentlich zu aufdringlich, und das quälende Ende zieht sich tatsächlich quälend hin, bis Lear, die tote Cordelia im Arm, Ruhe gibt.

Der Premierenapplaus fiel zu Recht üppig aus: für Robert Brandt und seine Mitspieler, die sich gegen diesen raumgreifenden Lear behaupteten, aber auch für das Regie-Team, das dem Theater einen Klassiker beschert, der so unterhaltsam wie tiefschürfend ist.

Von Liebe und Kampf
König Lear, der sein Reich unter seinen drei Töchtern Goneril, Regan und Cordelia aufteilen will, ist William Shakespeares tragischster Held. Der König lässt sich von den Schmeicheleien der älteren Töchter blenden, wird von ihnen später verstoßen und der Natur ausgesetzt. Die jüngste, deren Liebe er nicht erkennt, muss das Land verlassen. Das Theater Lübeck spielt das Stück in der Übersetzung Rainer Iwersen.

Weitere Aufführung: heute, 18.30 Uhr, Kammerspiele.

Michael Berger

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