Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Ein letztes Gespräch mit Günter Grass

Lübeck Ein letztes Gespräch mit Günter Grass

Heinrich Deterings Werkstatt-Dialoge mit dem Literaturnobelpreisträger über Kunst und Politik.

Voriger Artikel
Musik mit Hafenkulisse: „MS Dockville Festival“ startet
Nächster Artikel
Cembalokunst in Nusser Kirche

Die beiden Gesprächspartner im März 2014 bei einer Veranstaltung im Günter-Grass-Haus: Schriftsteller Grass mit dem Germanisten Heinrich Detering (r.).

Quelle: Foto: Lutz Roessler

Lübeck. Von Zeit zu Zeit tut es Not, sich in Erinnerung zu rufen, wie Günter Grass der größte deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit wurde. Mit der „Danziger Trilogie“, vor allem mit der „Blechtrommel“, erreichte die neuere deutsche Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt erst wieder internationales Niveau. „Der Butt“ von 1977 war sein kühnstes, ambitioniertestes Buch; der Kritiker Hanjo Kesting nennt es zu Recht „ein Weltbuch“.

Günter Grass’ lyrisches Werk steht am Anfang und Ende dieser langen und unglaublich produktiven literarischen Karriere und ist bis heute kaum angemessen gewürdigt worden. Grafik und Skulptur des bildenden Künstlers ergänzen das literarische Œuvre und geben dem Gesamtwerk eine Note und einen Reichtum, die kein anderer europäischer Schriftsteller seiner Generation besitzt.

„Diese wirklich gefräßige Politik“

Die Reduktion des Künstlers Günter Grass auf die „Figur eines politischen Kommentators“ war der Anlass für mehrere jetzt schriftlich dokumentierte bemerkenswerte Gespräche des Literaturnobelpreisträgers mit dem Germanisten Heinrich Detering. Das Artistische sei in der Wahrnehmung des Schriftstellers zuweilen von dieser „wirklich gefräßigen Politik verschluckt worden“, erfährt man daraus.

In Grass’ Behlendorfer Werkstatt haben sie sich getroffen, wenige Monate, bevor der Schriftsteller am 13. April 2015 starb. Der Gesprächspartner Heinrich Detering ist Professor für Literaturwissenschaft in Göttingen, aber auch selbst Dichter und Deutschlands profiliertester Bob-Dylan-Experte (was in diesem Band allerdings keine Rolle spielt) und ein origineller Kopf, der regelmäßig für verschiedenen überregionale Feuilletons schreibt. Außerdem kennt Detering wie wenige die Werke der Lübecker Großschriftsteller. Weshalb es immer wieder Hinweise auf Leben und Werk von Heinrich oder Thomas Mann gibt.

Es ist in mehrfacher Hinsicht ein Werkstattgespräch. Grass erzählt, wie er, der mit fünfzehn Jahren die Schule verlassen musste, sich alles selbst beibrachte: die internationale Kunst und die Literatur. „Berlin Alexanderplatz“ und „Ulysses“ lernte er durch die Schweizer Familie seiner ersten Frau kennen. Später in Paris war Paul Celan für ihn sehr anregend.

Das Gespräch kommt auf viele deutsche Schriftsteller: unbekannte wie den Kölner Paul Schallück (1922-1976), der ihm riet, über seine Danziger Erlebnisse einen Roman zu schreiben. Oder bekannte wie Hans Magnus Enzensberger (*1929) und Siegfried Lenz (1926-2014).

An den Nachrufen auf seinen Freund Lenz missfällt Grass die Überbetonung des Wortes „sanft“. „Das ist eine Entschärfung. Denn Lenz ist auf seine Art sehr präzise und genau und dann auch unerbittlich gewesen.“

„Eine Einmischung ist von jedem Bürger gefordert“

Aber diesen Nobelpreisträger gibt es natürlich nicht ohne Politik. Der Bürger Grass rückt mehr und mehr ins Zentrum des Dialogs. Einerseits der Citoyen, der sich auch und gerade in schwierigen Zeiten politisch engagiert. Prägend sei für ihn die Erkenntnis, dass sich in der Weimarer Republik zu wenig Bürger schützend vor den „schwach begründeten Staat“ gestellt haben. Man müsse sich mit der Demokratie identifizieren und sich bemerkbar machen. „Eine Einmischung in meinem Sinne ist von jedem Bürger gefordert“, so Grass.

„Die Republik muss aktiv verteidigt werden, sie muss getragen werden von Bürgern, darunter auch von öffentlichen Intellektuellen wie Ihnen“, unterstreicht Detering und sieht seinen Gesprächspartner ein weiteres Mal in der Tradition Thomas Manns.

Aber auch der Wirtschaftsbürger, der geniale Freiberufler Günter Grass kommt in diesen Gesprächen nicht zu kurz. Zu vielen Anlässen, aber vor allem, wenn ein neues Buch erscheint, gibt er „eine pointierte, gern scharfe Stellungnahme“ ab. Viele störte es, dass er die öffentliche Aufmerksamkeit mit genialem Timing so auf sich zog. Der Auflage schadete es selten. Grass ärgert sich sehr darüber, dass zum Beispiel Max Frisch sein politisches Engagement als „Sucht nach Publizität“ empfand. An einer späteren Stelle des Buches bekennt Grass sich dann jedoch ganz unverblümt zu „Reklame“

und „Kommerzialisierung“. Er gesteht ein: „Das ist ja etwas, was in mir als Anlage da ist, und das muss mich und meine Familie ernähren.“

Lange Jahre erschien Mitte August, Anfang September ein neues Buch von Grass. Es war eigentlich immer verbunden mit einer überaus erregten Debatte, an der keine deutsche Zeitung vorbeikam: über Israels Politik, die Jugendsünden eines Siebzehnjährigen bei der Waffen-SS oder eine besonders harsche Kritik von Marcel Reich- Ranicki. Über die regelmäßigen Verrisse seiner Bücher durch Deutschlands Großkritiker sagt Grass: „Und überhaupt war das irgendwie grotesk. Er hat irgendein Buch verrissen, und dann hat er am Schluss gesagt: Trotzdem ist Grass der Größte, ohne das zu begründen, es war einfach so.“

„In letzter Zeit. Ein Gespräch im Herbst“, Heinrich Detering im Gespräch mit Günter Grass, Steidl Verlag, 128 Seiten, 14 Euro

Das Treffen von Behlendorf

Heinrich Detering schreibt zu seinem Gesprächsband mit Günter Grass: „Die Idee war sehr einfach. Wir wollten ein langes Gespräch führen (...), in derselben Weise, in der wir das im Laufe der Zeit in der Werkstatt in Behlendorf öfter getan hatten, wenn wir uns beim Tee und von Pfeifenrauch umhüllt über die Brüder Grimm und Andersen unterhielten, die neuen Radierungen zu den alten ,Hundejahren‘ anschauten und Zeichnungen von der jüngsten Reise nach Møn. Wir wollten also (...) reden, geleitet lediglich von dem gemeinsamen Wunsch, der Reduktion des Dichters Grass auf die Figur eines politischen Kommentators zu entkommen . . .“

Christian Schwandt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden