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Kultur im Norden Ein letztes Mal in der Evers-Werft
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20:17 24.06.2017
20 Frauen, die ein Jazz-Feuerwerk abbrennen: die Jazz Baltica All Star Band unter Leitung der Hamburgerin Tini Thomsen (vorn mit Querflöte). Quelle: Foto: Felix König

Nun also ein letztes Mal Jazz Baltica am Niendorfer Hafen. Schade. Man hat sich an die kirchenschiffhohe Halle der Evers- Werft gewöhnt, an die Unruhe auf der anderen Seite des Hafenbeckens, wo an der Open-Air-Bühne die Urlauber vorbeiflanieren, an den Konzertort am Strand, der „@the beach“ heißt und den man im Dunkeln nie rechtzeitig findet. Das Gelände am Anleger für Fischerboote und Segler mit den Fischbuden, die ab 20 Uhr dicht sind, verströmt angenehme Campus-Atmosphäre. Ein intimes Ambiente war man vom Landeskulturzentrum Salzau gewohnt, wo Jazz Baltica bis 2011 stattfand.

Heute bei Jazz Baltica

11 Uhr: Familienkonzert „Die Bremer Stadtmusikanten“ mit Gustav Peter Wöhler als Sprecher

13 Uhr: Tingvall-Trio

15.30 Uhr: Sebastian Studnitzky, „Memento“, danach Jasmin Tabatabai & David-Klein-Quartett

20 Uhr: Monika-Roscher-Bigband

22 Uhr: Echos of Swing (Jazz-Café)

Ab dem kommenden Jahr steht das Evers-Gelände nicht mehr zur Verfügung, das Jachtservice- Unternehmen hat andere Pläne: Die Werft wolle sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, sagte die Geschäftsführerin Monika Hake- Evers im Sender NDR-Kultur.

Dass Jazz Baltica nach Timmendorfer Strand weiterzieht, wo der Kurpark mit der konzerterprobten Trinkkurhalle, der Festsaal des Maritim-Hotels und der Strand bespielt werden sollen, ist Bürgermeisterin Hatice Kara zu verdanken, die das Festival in ihrer Gemeinde halten will. Nils Landgren, künstlerischer Leiter von Jazz Baltica, ist ein General-Optimist, der allem Gutes abgewinnen kann. „Wir haben also eine Alternative gefunden, keine schlechtere, sondern eine bessere“, sagte er den LN.

Beim Auftaktkonzert begrüßte Landgren mit dem ihm eigenen Enthusiasmus die Jazz Baltica All Star Band, die nun zum zweiten Mal ausschließlich aus Musikerinnen besteht. Wobei das Attribut „All Star“

etwas geprahlt ist. Vielleicht kann man die deutsche Kontrabassistin und frische Echo-Preisträgerin Eva Kruse als prominent bezeichnen, dazu noch die Gitarristin Sandra Hempel. Die anderen aus der – fabelhaft aufspielenden – Bigband sind so berühmt, wie es Orchestermitglieder eben sein können. Die meisten kommen aus Skandinavien, wo Jazz-Instrumentalistinnen an Posaune, Saxofon, Trompete und Schlagwerk eine Selbstverständlichkeit sind. In Deutschland offenbar immer noch nicht, deshalb gibt es im Publikum Laute des Staunens, als eine der Trompeterinnen im kurzen Sommerkleid zum Solo antritt.

Noch eine sticht heraus: die Hamburger Saxofonistin Tini Thomsen. Sie leitet das 20-köpfige Ensemble, sie hat die Kompositionen und Arrangements beigesteuert. Ein kantiger Swing eröffnet das Konzert, das erste Solo gehört Eva Kruse, die gewohnt elegant eine Brücke schlägt zwischen freiem Spiel und Funk-Ostinati. Das Blues-Idiom dringt in jeder der raumgreifenden Thomsen-Suiten durch, auch in den Improvisationen der Bläserinnen. Besonders intensiv: Trompeterin Hildegunn Øiseth auf dem norwegischen Bukkehorn, dem Horn einer Ziege, das sie so erotisch bläst, als singe sie schmutzige Lieder.

Sängerin Lena Swanberg wiederum bringt ihre Stimme wie ein Blasinstrument mit wendigen Scat-Silben ein.

Tini Thomsen nimmt offenbar die Verblüffung wahr. „Unglaubliche Musikerinnen, nicht wahr?“, entfährt es ihr. „Sie können nicht nur kochen, sondern auch bügeln.“ Noch eine unglaublich Musikerin trat danach auf die Bühne, aber ohne zu spielen: Die Saxofonistin Anna-Lena Schnabel (28) erhielt den mit 3000 Euro dotierten Jazz-Preis der Investitionsbank Schleswig-Holstein. „Sie erlaubt uns einen Blick auf den Jazz von morgen“, ließ Nils Landgren wissen. Um das zu überprüfen, mussten man allerdings bis Mitternacht warten und das Jazz-Café nebenan besuchen.

Routiniert vorgetragener Kraftmeier-Jazz des Saxofonisten Peter Weniger und seines Quintetts war zuvor noch zu hören. Rasereien einer virtuosen Jazz-Maschine, bei denen geschwitzt werden darf.

Gestern Abend trat dann die NDR-Bigband unter ihrem neuen Leiter Geir Lysne auf. Er hat Musik zu einem mehrteiligen Film geschrieben: „Watt about“ von Regisseur Theo Janßen. Die Solisten drehten dem Publikum den Rücken zu, um die friedlichen und dramatischen Schwarz-Weiß-Szenen am Wasser, im Watt (deshalb der Titel) und auf dem Meer zu untermalen. Ein spannendes Konzert bis zum Schluss der Coda.

Michael Berger, Konrad Dittrich

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