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Kultur im Norden Ein mondsüchtiger Abend
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18:12 14.06.2017
Lübeck

„Wenn das Publikum hört, dass wir Schönberg spielen, dann nehmen einige Reißaus.“ Der das befürchtet, heißt Panagiotis Papadopoulos und leitet das 9. Kammerkonzert der Lübecker Philharmoniker. Er hat sich auf ein Experiment eingelassen. Doch nicht die Aufführung von Arnold Schönbergs Melodram „Pierrot lunaire“ und der „Verklärten Nacht“ für Streichsextett ist das Wagnis, sondern der erstmalige Gang in die Lübecker Kulturwerft Gollan und der Versuch, die schlichte Konzertform aufzubrechen. „Wir gehen in den kleinen Gollan-Raum“, sagt Papadopoulos, „die Schönberg-Stücke brauchen Intimität“. Das Ensemble wolle „die mondsüchtige Stimmung“ der Kompositionen wiedergeben.

Das Ensemble mit Wioletta Hebrowska (4. v. l.) und Panagiotis Papadopoulos (hinten rechts).

Mezzosopranistin Wioletta Hebrowska ist die Stimme des „Pierrot lunaire“. „Es handelt sich um Sprechgesang, ich darf die Noten gar nicht alle singen“, erläutert sie. Schönberg selbst habe vermerkt, dass die Sängerin alle Freiheiten der Interpretation genießt, nur der Rhythmus solle streng beachtet werden. „Klare Vorgaben hat der Komponist nicht gemacht.“ Papadopoulos hört in „Pierrot lunaire“

„eine Explosion der Fantasie und den Versuch, ganz neue Ausdrucksmittel zu schaffen – auch wenn die Komposition noch stark in der Romantik verhaftet ist“.

Die Vertonung des Zyklus von 21 expressionistischen Gedichten des Belgiers Albert Giraud in der Übersetzung von Otto Erich Hartleben war ursprünglich für eine Schauspielerin, nicht für eine Konzertstimme konzipiert worden. Die Aktrice Albertine Zehme hatte das Werk 1912 bei Schönberg in Auftrag gegeben. Sie war nicht ganz unerfahren, was die Musik betraf: Bei Cosima Wagner hatte Zehme Gesangsunterricht. Die Texte sind lyrisch-bilderreich, zum Teil auch fidel: „In den blanken Kopf Cassanders, / Dessen Schrein die Luft durchzetert, / Bohrt Pierrot mit Heuchlermienen, / Zärtlich – einen Schädelbohrer!“

Die Komposition Arnold Schönbergs, die ein Meilenstein der Moderne werden sollte, war bei den ersten Aufführungen äußert umstritten. Den Komponisten schockierten die Interventionen des Publikums, er formulierte später: „Eine Konzertkarte gibt nur das Recht, das Konzert anzuhören, nicht aber, die Vorträge zu stören.“

Das Publikum wird in Lübeck auch mit Bildern bedient: „Wir haben mit einfachen Mitteln die Entstehung des Konzerts dokumentiert – mit Handy-Videos“, sagt Wioletta Hebrowska. „Von unserer ersten Besichtigung bei Gollan, über die Diskussionen zwischen den Musikern bis zu den Endproben.“ Die Filme sollen gezeigt werden, „damit das Publikum unsere Begeisterung für die Werke nachvollziehen kann“. „Wir wollen die Leute schließlich nicht mit abgehobenen Analysen belehren“, ergänzt Papadopoulos.

9. Kammerkonzert: „Mondsüchtig“, Mi., 21. Juni, 19.30 Uhr, Kulturwerft Gollan, Einsiedelstraße 6, Lübeck.

mib

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