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Ein neuer Blick im Behnhaus

Lübeck Ein neuer Blick im Behnhaus

„Kunst im Dialog“ – Zeitgenössisches trifft auf Werke des 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne.

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Kunst im Dialog: Behnhaus-Leiter Alexander Bastek mit den Linde-Söhnen als Poster, links das Gemälde „Meine Kinder“ von Stephan Jäschke.

Quelle: Lutz Roeßler

Lübeck. Wer in diesen Tagen das Museum Behnhaus/Drägerhaus besucht, muss auf einige Überraschungen gefasst sein. Zeitgenössische Kunstwerke haben sich unter die Gemälde des19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne gemischt. „Die Besucher sollen mal stolpern“, sagt Museumschef Alexander Bastek.

LN-Bild

„Kunst im Dialog“ – Zeitgenössisches trifft auf Werke des 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne.

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Zuerst stolpern Gäste über „Die Kinder des Künstlers“ von Stephan Jäschke. Mitglieder der Gemeinschaft Lübecker Künstler waren aufgerufen, sich mit einem der Werke der Dauerausstellung auseinanderzusetzen. Der Lübecker Maler Stephan Jäschke hat sich das wohl berühmteste Kunstwerk ausgesucht, „Die Kinder des Dr. Linde“ von Edvard Munch. Auf Jäschkes Bild sind seine eigenen Kinder zu sehen in ganz ähnlicher Pose wie die Lindeschen Jungs, die Köpfe der beiden allerdings sind verhüllt. Damit geht der Künstler auf Selbstdarstellungen junger Menschen im Internet ein. „Ein attraktives Gesicht und ein strahlendes Lächeln sind Pflicht, um das Profil zu optimieren und Anerkennung zu genießen“, schreibt er im Ausstellungs-Katalog. Sein Gemälde versteht er als Appell an ein kritisches Bewusstsein, „welches einem ermöglicht, sich zu zeigen, ohne sich bloßzustellen“.

15 Mitglieder der Gemeinschaft Lübecker Künstler sind an der Ausstellung beteiligt, ausgewählt von einer Jury unter etwa 40 Bewerbungen. – Auseinandersetzungen voller Phantasie, Geist und Witz.

Nicht immer gelang es, ältere und zeitgenössische Kunst dicht beieinander zu platzieren – Jäschkes Bild hängt in der Diele weit von dem Munch entfernt. Dafür ist das großformatige Werk nicht zu übersehen. Andere sind dagegen nicht so leicht auffindbar, zum Beispiel Siobhan Tarrs Arbeit „Lost Property“ aus Porzellanfiguren, Scherben, Holz und anderem, das zu Caspar David Friedrichs Gemälde „Kügelgens Grab“ Bezug nimmt.

Die Wahl des Zeichners und Fotografen Stephan Schlippe fiel auf ein Werk von Edvard Munch, auf dessen Radierung „Holstentor und Salzspeicher“ (1903). Munch habe die Salzspeicher, die zu seinen Zeiten in sehr schlechtem Zustand gewesen seien, nicht geschönt, sagt er. Schlippe wählte zwar einen völlig anderen Blickwinkel, zudem nehmen ein rätselhafter Schatten und ein Stück Stoff – Stock und ein Stück Bespannung seines Regenschirmes – fast die Hälfte der Fläche seines Fotos ein. Das analog aufgenommene Foto aber sei unbearbeitet und schöne ebenfalls nicht, sagt Schlippe.

Einmal fiel die Wahl zweier Künstler auf ein- und dasselbe Werk, auf das Gemälde „Segelmacherwerkstatt in Lübeck“ von Gotthard Kühl. Und auch Eva Ammermann hat sich ein Bild dieses Künstlers ausgesucht, „Vespersuppe“, eine Waisenhaus-Szene. Ein Mädchen steht mit einem Suppengefäß in der Hand da. Eva Ammermann hat umfangreiche Recherchen darüber angestellt, was Kinder in dem 1547 gegründeten Lübecker Waisenhaus zu essen bekamen. Dabei stieß sie auf das „Praktische Kochbuch“ von Henriette Davidis und ein Rezept für „schnell zu machende Biersuppe“, das eine Luise Holle später hinzufügte. Die Zutaten: Bier, Wasser, Ei, Butter finden sich auf Ammermanns Foto wie zu einer Kochanleitung zusammengefügt. Bier als Nahrung für Kinder? Das sei früher gebräuchlich gewesen, hat die Künstlerin herausgefunden.

Sabine Egelhaaf hat sich mit der Architektur des Behnhauses, einst repräsentatives Bürgerhaus, auseinandergesetzt. Ihre Installation „Lichtblick“ aus lichtdurchlässigem Vlies überspannt die Diele, am Saum sind Wörter zu lesen, die zum Teil eindeutig dem zeitgenössischen Sprachgebrauch zuzuordnen sind wie „visionär“, „zukunftsorientiert“ oder „entschleunigt“.

Er habe schon länger über einen modernen Umgang mit dem Raum nachgedacht, sagt Alexander Bastek. Überhaupt hat der Museumsleiter zeitgenössische Kunst gern zu Gast. Denn seit der Eröffnung der Kunsthalle fehlten Positionen von Gegenwartskünstlern im Behnhaus. „Kunst im Dialog“ sieht er als „reinen Glücksfall“.

Schau zum 70. Geburtstag

„Kunst im Dialog“ präsentiert zum zweiten Mal Gegenüberstellungen im Museum Behnhaus/Drägerhaus. Im Sommer vergangenen Jahres wurden schon einmal Bildpaare gezeigt, ein Dialog zwischen Werken aus dem frühen 19. Jahrhundert zu Werken aus dem frühen 20. Jahrhundert aus dem eigenen Bestand hergestellt.

Die Ausstellung der Gemeinschaft Lübecker Künstler, die in diesem Jahr 70 wird, läuft bis zum 28. August.

Liliane Jolitz

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