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Ein überwältigender Schlusspunkt

Kiel Ein überwältigender Schlusspunkt

Etwas naiv, etwas tollkühn und mit riesigem Aufwand an Personal: „Carmina Burana“ als SHMF-Finale.

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Hatte stets die Kontrolle: der polnische Dirigent Krzysztof Urbanski.

Kiel. Menschen, Tiere, Sensationen in der Kieler Sparkassen-Arena. Nein, Tiere gab es nicht, aber 350 Mitwirkende, darunter eine große Schar erwachsener Amateur-Choristen und ein Kinderchor. Ihnen gegenüber 5000 Zuhörer. Und es war ein sensationell reibungsloser Ablauf eines musikalischen Großunternehmens zu bewundern: Mit Carl Orffs Chor- und Orchesterwerk „Carmina Burana“ hat das Schleswig-Holstein Musik Festival einen mächtigen Schlussakkord gesetzt. Krzysztof Urbanski (35), erster Gastdirigent des NDR-Elbphilharmonieorchesters, leitete diesen mit dem NDR-Jugendsinfonieorchester auf Maximalgröße aufgerüsteten Klangkörper, die Chöre hatte der Schweizer Nicolas Fink domestiziert, die Solisten Michael Nagy (Bariton), Rosa Feola (Sopran) und Jürgen Sacher (Tenor) gingen nicht stimmlich, aber optisch im Aufmarsch etwas unter.

Um es vorweg zu nehmen: Orffs Kantate von 1935/36 hatte den Erfolg, der ihr meist beschieden ist. Sie ist ein Werk, in dem sich das Publikum spiegeln kann. Die mittelalterlichen Texte in Latein, Mittelhochdeutsch und Altfranzösisch waren im Programmheft übersetzt, so konnte man die Erotik, die ausschweifenden Gelage und die Schicksalsbeschwörungen nicht nur hören, sondern auch verstehen. Die tänzerischen Rhythmen ließ Urbanski geradezu knallen, die drei Solisten setzten sich gegen die Übermacht stimmstark durch und glänzten mit Kopfstimme und schauspielerischen Einlagen (für diejenigen, die freie Sicht hatten). Auch der Dirigent gab alles. Urbanski führte sein eigenes Theater auf, er tanzte, focht, boxte, kitzelte mit den Fingerspitzen, bis ihm das Jackett am Rücken klebte. Und er hatte in jedem Moment die Kontrolle über die 350 Köpfe vor ihm.

Einen Einwand kann man der Aufführung nicht ersparen: Es war ein Überwältigungsschauspiel. Man darf bei einer solch geballten Ladung an Personal und Klang nicht nachdenken. So naiv der Ausdruck der Tondichtung zuweilen ist, so naiv sollte man die Gesänge von den lieblichen Mägdlein, tapferen Gesellen und trinkenden Pfaffen nebst der Lobpreisung irgendwelcher Götter hinnehmen. Das Mammutaufkommen schien vor allem diesen Zweck zu verfolgen: Viel hat viel Erfolg.

Das Theater Lübeck wird seine Saison mit der „Carmina Burana“ Anfang September eröffnen – mit bescheidenerem Aufwand, aber mit kritischem und damit angemessenem Blick auf das Material.

Der Auftakt des SHMF-Abschlusses war im Übrigen bereits von einiger Wucht und für weniger kindliche Gemüter sicherlich der Höhepunkt: das „Konzert für Orchester“ des Polen Witold Lutoslawski (1913-1994). Ein düster swingendes Werk voller abrupter Stimmungswechsel mit mächtig auftrumpfenden tiefen Instrumentengruppen, folkloristischen Momenten und solchen mit Bigband- Anmutung. Die Älteren werden sich erinnern: Die pochende Fanfare der „Intrada“ war einst Erkennungsmelodie des ZDF-Magazins. Das machte das Konzert nicht populärer, konnte ihm aber auch nicht schaden.

Michael Berger

Herr und Frau Schumann

2018 begeht die Musikwelt den 100. Geburtstag von Leonard Bernstein, dem Gründer der SHMF-Orchesterakademie. Doch nicht der Schöpfer der „West Side Story“ wird Schwerpunktkomponist des SHMF im kommenden Jahr, sondern Robert Schumann (1810-1856). Einen Bezug zu Schleswig-Holstein hat das Festival auch entdeckt: Schumanns Ehefrau, die Pianistin Clara Schumann, geborene Wieck, hatte im März 1840 Travemünde besucht: „Einen Tag habe ich verlebt“, schrieb sie an Robert, „den vergesse ich nie. Wir (...) fuhren in einem kleinen Boot mit drei Segeln in die See hinaus, bis wir kein Ufer mehr sahen und niemand von uns mehr wusste, wo wir waren. Und obgleich mir’s etwas ängstlich war, so habe ich doch gejauchzt vor Entzücken.“ Eine Komponistin im Zentrum, des Festivals- Programms gab es übrigens noch nie. Clara Schumanns Werk wäre noch zu entdecken.

LN

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