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Kultur im Norden Ein unbestechlicher Chronist
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19:12 10.10.2016
Andrzej Wajda (1926-2016) bei der Verleihung des Ehren-Oscars 2000. Quelle: AFP

. In Polen galten seine Filme als nationales Ereignis. Und nicht nur dort: Als Regisseur Andrzej Wajda 2007 „Katyn“ bei der Berlinale vorstellte, zählte Angela Merkel zu den Premierenbesuchern. Der Film über den Massenmord des russischen Geheimdienstes an der polnischen Elite im Zweiten Weltkrieg war nicht nur von künstlerischer, sondern auch von politischer Bedeutung.

Wajda war der bedeutendste Regisseur der Nachkriegszeit in unserem Nachbarland. „Wir schauten auf Polen und uns durch ihn. Und wir verstanden“, schrieb gestern der EU-Ratspräsident und ehemalige polnische Ministerpräsident Donald Tusk. Kein anderer Filmemacher war ein so präziser Chronist der kämpferischen wie unglücklichen Geschichte Polens. Deshalb mussten viele seiner Filme wohl auch Tragödien sein. In „Der Kanal“ (1957) setzte Wajda dem Warschauer Aufstand ein Denkmal, in „Asche und Diamant“ (1958) schilderte er den Bruderkampf zwischen Nationalpolen und Stalinisten nach der deutschen Kapitulation 1945.

Eine ganze Trilogie widmete Wajda dem Kampf der Danziger Hafenarbeiter gegen das kommunistische System: In „Der Mann aus Marmor“ (1977) entlarvte er den sozialistischen Kult um einen Arbeiteraktivisten. In „Der Mann aus Eisen“ (1981) schilderte er das Ringen um freie Gewerkschaften. In „Walesa – Mann der Hoffnung“ (2013) versuchte er, der historischen Rolle des Arbeiterführers und später polnischen Präsidenten Lech Walesa gerecht zu werden.

Für Wajda, der im Zweiten Weltkrieg in der polnischen Heimatarmee gegen die deutsche Besatzung kämpfte, war „Katyn“ ein Lebenprojekt. Er verarbeite darin ein Trauma: Sein Vater Jakub, Offizier des 72. polnischen Infanterieregiments, starb 1940 bei einer zeitgleichen sowjetischen Säuberungsaktion in der Ukraine. Erst 1990 wurde offiziell bestätigt, dass die Sowjets und nicht die Deutschen für die Massaker verantwortlich waren.

Wajda, der unbestechliche Beobachter, ließ sich nie vor einen propagandistischen Karren spannen. Kritik musste er von kommunistischer wie von antikommunistischer Seite einstecken.

Erst vor wenigen Monaten stellte er sein letztes Werk „Powidoki“ (Nachbilder) fertig, in dem es um die Verteidigung der Kunstfreiheit gegen politischen Druck nicht nur in totalitären Zeiten geht. Der von der Biografie des Konstruktivisten Wladyslaw Strzeminski (1893-1952) inspirierte Film ist Polens aktueller Kandidat für den Auslandsoscar.

Stefan Stosch

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