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Ein wenig Hollywood-Verachtung

Cannes Ein wenig Hollywood-Verachtung

Heute startet das Filmfestival von Cannes mit alten Bekannten.

Cannes. Für Selbstironie waren die Internationalen Filmfestspiele von Cannes bislang nicht bekannt. Hier wird dem Kino mit beinahe religiöser Inbrunst gehuldigt. Jeder Regisseur gilt als Hohepriester, jeder Film wird einer peniblen Exegese wie ein Bibelpsalm unterzogen, und wer die Bedeutung der Leinwand-Kunst in digitalen Zeiten hinterfragt, wird als Ketzer gebrandmarkt.

 

LN-Bild

Cannes-Plakat mit einem Motiv aus „Die Verachtung“.

Quelle: dpa

Bei der 69. Ausgabe des Festivals, die heute startet, aber hat sich die Leitung etwas Besonderes einfallen lassen: Das offizielle Plakat wird nicht wie üblich von einer Filmikone in Großaufnahme geziert (im vorigen Jahr war das Ingrid Bergman), es zeigt vielmehr die Rückansicht eines Mannes aus der Distanz. Der Mann steigt eine Treppe vor Meereskulisse empor — beinahe so, wie es ja nun wieder die Stars tagaus, tagein bis zur Palmen-Vergabe am 22. Mai unter Blitzlichtdauerfeuer tun werden.

Allein zur Eröffnung mit Woody Allens „Café Society“ werden neben dem Regisseur auch Kristen Stewart, Steve Carell und Jesse Eisenberg erwartet — dazu die illustre Jury, deren Präsident in diesem Jahr George Miller ist, Regisseur der „Mad Max“-Filmreihe, zu der aber auch die Schauspieler Kirsten Dunst, Donald Sutherland und Mads Mikkelsen sowie die Sängerin Vanessa Paradis gehören.

Die Treppe auf dem Cannes-Poster scheint anders als die reale geradewegs ins Nichts zu führen. Das Plakat zeigt ein Motiv aus Jean- Luc Godards „Die Verachtung“ von 1963. Michel Piccoli spielt darin einen Drehbuchautor, der das extravagante Villendach des Schriftstellers Malaparte auf Capri erklimmt. Und von was erzählt Godard in „Die Verachtung“? Von der Kommerzialisierung des Filmemachens unter besonderer Berücksichtigung Hollywoods. So wird auf dem Poster zugleich die Liebe zum Kino dokumentiert wie auch die Ablehnung der üblichen Produktionsbedingungen.

Leisten kann sich Cannes so einen feinsinnigen Humor allemal, die Hollywood-Elite kommt ja trotzdem. Steven Spielberg hat Roald Dahls Kinderbuch „BFG — Big Friendly Giant“ mit Rebecca Hall verfilmt, Jodie Foster hat den Medien-Finanzthriller „Money Monster“ mit George Clooney und Julia Roberts im Gepäck. Beide Filme laufen wie der Eröffnungs-Woody- Allen (zum dritten Mal auf diesem Ehrenplatz!) außer Konkurrenz. Was sie alle vereint: Sie sind zum wiederholten Male in Cannes, gehören in den exklusiven Club an der Côte d‘Azur.

Von Stefan Stosch

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