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Ein wirklicher Star spielt eine Diva

Lübeck Ein wirklicher Star spielt eine Diva

„Sunset Boulevard“ ist nach der „Blechtrommel“-Dramatisierung die nächste Produktion, mit der sich das Theater Lübeck gegen die Hamburger Kulturhegemonie zur Wehr setzen will. Regisseur Michael Wallner hat dazu Gitte Hænning ans Theater Lübeck geholt.

Großer Show-Auftritt mit Musik der 1940er Jahren: Chor und Tänzer des Theaters Lübeck bei einer Probe von „Sunset Boulevard“.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck.  Die Eröffnung der Elbphilharmonie Anfang 2017 sei eine große Herausforderung auch für das Lübecker Kulturleben, warnt Theaterdirektor Christian Schwandt immer wieder. Die Nachbarstadt setze mit ihrer ganzen Wirtschaftskraft auf Kultur, „wir müssen intelligenter, beweglicher, origineller sein“.

LN-Bild

Das Musical „Sunset Boulevard“: Regisseur Michael Wallner hat Gitte Hænning ans Theater Lübeck geholt.

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Diesen Anspruch soll nun also das Singspiel des Musical-Barons Andrew Lloyd Webber einlösen. Doch ein Theaterereignis, das magnetische Wirkung auf das Kulturpublikum in Lübeck und der Region haben soll, wird „Sunset Boulevard“ erst dadurch, dass Gitte Hænning die Hauptrolle spielt. Die dänische Sängerin, deren Auftreten und Stimme nicht an eine 70-Jährige denken lassen, hat sich längst vom Schlagerbetrieb entfernt. „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ singt sie nicht mehr, sondern Pop und auch jazzige Programme. Und sie hat Theatererfahrung gesammelt.

Gitte Hænning ist der Star, den die Geschichte von „Sunset Boulevard“ braucht. Sie handelt von einer Stummfilmdiva namens Norma Desmond, die nicht mehr die Kurve zum Tonfilm geschafft hat. Doch sie ist süchtig nach dem Scheinwerferlicht und schnappt sich den jungen Drehbuchautor Joe Gillis, damit er ihre Karriere und ihre Libido auffrischt.

Regie führt Michael Wallner, 1958 in Graz geborener Roman-Autor, Schauspieler und am Theater Lübeck ein Mann für große Stoffe („Tod in Venedig“, „Willy Brandt – Die ersten 100 Jahre“, „The Black Rider“, „Felix Krull“). Er ist, was die kulturpolitische Wirkung seiner Inszenierung betrifft, gelassener als Theaterchef Christian Schwandt.

Wallner sieht in dem Stoff eine Parabel für Vergänglichkeit, der man sich mit Würde stellen sollte. „Ich bin überhaupt kein Fan von Lloyd Webber“, gesteht er überraschend. Darauf muss ein Aber kommen: „Aber ,Sunset Boulevard‘ spielt nun einmal nicht heute, sondern in den 1940er Jahren – deshalb musste Lloyd Webber die Musik der Zeit einsetzen, also Swing und Jazzverwandtes.“ Auch der Dirigent der Produktion, Ludwig Pflanz, sei der Ansicht, dass die Musiknummern wesentlich anspruchsvoller seien als die Webber-Kompositionen aus „Phantom der Oper“ oder „Cats“.

„Das Stück ist sehr düster, es hat kein Happy End“, sagt Wallner, „aber mit Gitte und dem männlichen Hauptdarsteller     Rasmus Borkowski habe ich zwei Darsteller, die nicht nur tolle Stimmen haben, sondern auch eine sehr positive Ausstrahlung.“ Gitte Hænning habe „viel Witz und auch eine erfrischende Koboldhaftigkeit“ in das Stück gebracht, die man von der Rolle der Norma Desmond eigentlich nicht erwarte. „Wenn eine Musical-Darstellerin in der Rolle behaupten muss, sie sei ein Weltstar, dann hat das meist etwas Gestelztes und Manieriertes“, weiß Wallner. „Aber Gitte ist ein wirklicher Star, den alle Erwachsenen kennen. Sie muss also nichts herstellen und kann den Star viel freier und überraschender interpretieren.“ Es sei deshalb ein großes Vergnügen, mit ihr zu arbeiten.

Michael Wallner darf sich auf die Fahnen schreiben, die Dänin, die seit einigen Jahren in Berlin lebt, an Land gezogen zu haben. „Wir waren gemeinsam drei Mal im Berliner Café Einstein ordentlich essen und trinken – dann hat sie eingewilligt, nach Lübeck zu kommen.“

Die Fußstapfen sind groß, in denen sich Gitte Hænning bewegen muss. Im Hollywood-Film von 1950, der dem Musical zugrunde liegt, spielte Gloria Swanson, einer der größten Stars der Stummfilm-Ära, die Hauptrolle, in der Broadway-Premiere des Musicals war Glenn Close zu sehen. Wallner selbst mutet sich eine prominente Rolle zu: Er tritt als Hollywood-Mogul Cecil B. DeMill auf, der im Film von Billy Wilder einen Gastauftritt hatte. Eine schöne Pointe.

Premiere: Fr., 21. Oktober, 19.30 Uhr, Großes Haus des Theaters Lübeck.

VIER FRAGEN AN...

1 Sie sind jetzt für eine Spielzeit Mitglied des Lübecker Theaterensembles. Ist das eine neue Erfahrung für Sie? Ensemblemitglied bin ich zwar nicht, aber ich fühle mich sehr geehrt, in einem Haus aufgenommen zu werden, das von sich reden macht. Ich wollte eigentlich gerade anfangen, ein Buch zu schreiben. Doch dann kam Regisseur Michael Wallner und sagte: Du bist doch sonst bekannt für deinen Mut. Und ich habe gedacht: Das will ich dir beweisen!

2 In „Sunset Boulevard“ spielen Sie die Rolle der Stummfilmdiva Norma Desmond. Im Film wurde sie von Gloria Swanson dargestellt, bei der Broadway-Premiere des Musicals von Glenn Close. Orientieren Sie sich an einer der beiden? Norma Desmond wurde von etlichen Protagonisten dargestellt. Alle toll! Und alle haben ihre ganz eigene Art – ich hoffentlich auch.

3 Das Musical thematisiert die Probleme eines Stars jenseits der Jugendjahre. Ist das Alter im Showgeschäft heute noch ein Problem?

Für viele ja, für mich aber nicht!

4 Komponist Lloyd Webber hat die Rhythmen der 40er Jahre und die swingenden Melodien des guten alten Hollywood- Films verwendet. Können Sie sich damit anfreunden? Ja, sehr! Er hat ein Meisterwerk erschaffen. Ich mag von seinen Werken „Cats“, „Jesus Christ Superstar“ und „Bleib noch bis zum Sonntag“, bei dem ich die Ehre hatte, es in Deutschland zum Erfolg zu bringen, auch wenn es für meinen Geschmack ein wenig zu bieder war.

 Michael Berger

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