Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Einblicke in Lübecks schönste Winkel

Lübeck Einblicke in Lübecks schönste Winkel

Zum Hansekultur-Festival laden zahlreiche Stadtführungen zur Erkundungstour.

Lübeck. „Kopf einziehen!“ mahnt Michael Frank ein ums andere Mal. Manchmal vergebens. Dann rummst es hinten am Ende des Gänsemarsches, der sich mit gebeugten Häuptern durch den niedrigen Gang schlängelt; irgend jemand hatte den Kopf nicht tief genug eingezogen. Die Einblicke in die schmalen Gänge und Höfe, die über die ganze Altstadt verteilt hinter den prächtigen Kaufmannshäusern liegen, lohnen es, den Rücken dafür kurz krumm gemacht – und sich möglicherweise eine kleine Beule geholt zu haben.

 

LN-Bild

Gut 100 Gänge und Höfe gibt es noch in der Hansestadt, und die Bewohner haben diese kleinen Hinterhofinseln liebevoll gestaltet, mit Rosensträuchern, die die Fassaden hinaufklettern, Blumenkübeln und Gartenbänken kleine grüne Fluchten inmitten des historischen Backsteins geschaffen. Heute sind es idyllische Winkel, entstanden aber sind sie im Mittelalter, als enge dunkle Quartiere für die Knechte und Mägde der Lübecker Kaufmannschaft, armselige Holzhütten zunächst, dann ausgebaut zu kleinen in die Hinterhöfe geduckten Häuschen. „Unten ein Raum mit Feuerstelle, oben ein Schlafraum. Viel Platz gab’s nicht. Um 1400 war Lübeck die zweitgrößte Stadt nach Köln mit 20000 Einwohnern. Die mussten irgendwo wohnen, und innerhalb der Stadtmauern wurde es immer enger“, erklärt Michael Frank die Entstehung der für Lübeck so typischen Gänge und scheucht die Gruppe in den nächsten Gang. Seine gut 25 Teilnehmer sollen ihnen bisher unbekannte Ansichten der Stadt entdecken, die ansässigen Lübecker ebenso wie die Stadtbesucher. Carsten Tschentke hat in Cottbus sein Geschäft für zwei Tage geschlossen, um das Hansekultur-Festival in Lübeck zu erleben. Kristine Arlt hat sich so in die Stadt verliebt, dass sie mit Jack-Russel-Terrier „Eddy“ aus Berlin hergezogen ist.

Der pensionierte Geschichtslehrer Michael Frank legt ungeachtet seiner 80 Jahre ein gutes Tempo vor, um seinen Gästen am Ende der anderthalbstündigen Führung auch den Füchtings-Hof zeigen zu können, der zwecks Mittagsruhe punkt zwölf das Tor zur Glockengießerstraße schließt. Stiftshöfe wurden von reichen Kaufleuten gegründet, um unverheirateten Frauen und Witwen ein sicheres Dach über dem Kopf zu geben. Der Füchtings-Hof existiert in dieser Funktion als Stiftung noch heute, und die Häuser werden bis auf eine junge Familie nur von Frauen bewohnt. Ein letzter, exklusiver Blick noch in den Hof des Heiligen-Geist-Hospitals, dann lupft Michael Frank seine blaue Kapitänsmütze, die nächste Gruppe wartet schon. Auf 50 Führungen kommt er im Jahr: „Die Freude der Leute an der Stadt belebt mich!“

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden