Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Eine Flucht in die Hölle

Hamburg Eine Flucht in die Hölle

Texttreu, aber mit neuem Blick: Regisseur Lars-Ole Walburg inszeniert am Hamburger Thalia Theater „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams.

Hamburg. Das nostalgische French Quarter in New Orleans ist das nicht. Vielmehr gleicht das, was Florian Lösche auf die Bühne des Thalia Theaters gestellt hat, einem bienenstockartigen Wohnsilo. Wabe an Wabe, Würfel an Würfel, nebeneinander aufgereiht und übereinander aufgetürmt. Von Elysischen Gefilden, wie die Straße heißt, wo das junge Paar Stella und Stanley Kowalski wohnt, kann keine Rede sein. Aber hier summt und brummt das pralle Leben. Viel zu prall für die empfindsame Blanche DuBois, Stellas Schwester und Hauptfigur in Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“, die Lars-Ole Walburg in Hamburg spannungsgeladen inszeniert hat — texttreu, handlungstreu und trotzdem mit neuem Blick auf das Stück.

Irgend etwas stimmt nicht

Am Anfang steht Blanche vor dem eisernen Vorhang. Eine sichtlich gealterte Frau im weißen Hosenanzug, die gierig das Scheinwerferlicht sucht, sich hysterisch produziert, seltsam singt, befremdlich kichert. Irgend etwas stimmt da nicht. Und die grandios spielende Karin Neuhäuser reißt sie dann auf, die Abgründe in dieser aus einer ehemals reichen, inzwischen aber total verarmten Südstaaten-Familie stammenden Blanche, die sich aus höchst prekär gewordenen Verhältnissen zu ihrer Schwester geflüchtet hat.

Es ist eine Flucht in die Hölle. Denn Stanley, ein kraftstrotzender Macho, der mit der schönen Stella in einer extrem sexbetonten Ehe zusammenlebt, schikaniert Blanche bis aufs Blut, weil er glaubt, sie betrüge ihre Schwester um ihr Erbe, das sich aber längst in Luft aufgelöst hat. Am Ende, als er ihre letzten Hoffnungen auf ein wenigstens materiell gesichertes Leben zerstört und sie schließlich sogar vergewaltigt hat, verlöscht sie im Wahnsinn.

Vorher aber vollführt Neuhäusers Blanche einen faszinierenden Balanceakt zwischen Selbsterhaltungswillen und Wirklichkeitsverlust. Sie, die mit ihrem offen zur Schau gestellten kulturellen Überlegenheitsgestus den einfach gestrickten, aber in praktischen Dingen durchaus cleveren Stanley bis zur Weißglut reizt, hat letztlich der Vitalität ihres Gegners nichts entgegenzusetzen. Die sie schützende Haut ist zum Zerreißen dünn, ihre stets aufs Neue herbeifantasierte Welt ist die Welt von gestern, in der die DuBois im gesellschaftlichen Leben eine geradezu dynastische Rolle spielten.

Belle Rêve, wie deren einstige Plantage hieß, ist für Blanche das verlorengegangene Paradies, in das sie sich in immer psychotischer werdender Weise zurücksehnt. Eine Frau der Vergangenheit, eine Frau mit Vergangenheit. Deshalb überzeugt am Ende doch der Einfall, die Rolle von einer älteren Darstellerin spielen zu lassen — eine Idee, die zunächst irritiert.

Das untergehende Alte konfrontiert der Regisseur mit dem genauen Gegenteil: sprühender Jugendlichkeit, unbändiger Lebenslust. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze bewegt sich die von Patrycia Ziolkowska hinreißend verkörperte Stella in der Wabenlandschaft, die zum sportlichen Trainingsraum wird auch für Stanley (lässig, biestig: Sebastian Zimmler) und seine Pokerfreunde Steve (lautstark als Drummer: Tilo Werner), Mitch (erst sanft, dann fies: Stephan Bissmeier) und Pablo (Arman Kaschmiri). Schiere Hochleistungsakrobatik die Liebesspiele von Stella, die mit rotem Kleidchen und weißen Kniestrümpfen einer Baby-Doll-Kopie gleicht, und Stanley, dessen sexuelle Anziehungskraft für sie unwiderstehlich ist. Und die giftige Kritik, die Blanche an Stanley übt („ein Tier“), weist Stella einfach zurück — locker, leicht, lächelnd.

Nur die Gegenwart zählt

Eine neue Generation ist da selbstbewusst angetreten, der die Vergangenheit schnuppe ist und die Gegenwart alles bedeutet. Blanche aber verschwindet in ihren Wahnwelten, die durch wechselnde Projektionen auf die Wabenwand labyrinthische Gestalt gewinnen. Zum bitteren Schluss verschwindet sie wirklich — in der Psychiatrie.

Nächste Vorstellungen: 26. April und 8. Mai. Karten: (040) 32 81 44 44.

Von Hermann Hofer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden