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Kultur im Norden Eine Geschichte vom Überleben
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22:18 13.05.2016

Vor zwei Jahren hatte Ken Loach in Cannes seinen Abschied angekündigt. „Jimmy’s Hall“ solle sein letzter Spielfilm sein, sagte der Regisseur, bestenfalls werde er noch die ein oder andere Dokumentation nachliefern. Jetzt ist der Brite, der im Juni 80 wird, zurück an der Côte d’Azur.

Auch mit 79 Jahren noch aktiv: Regisseur Ken Loach.

Dieses Mal macht Loach nicht den Umweg über die (irische) Historie, um mit den Mitteln des Kinos gegen Ungerechtigkeit zu Felde zu ziehen. Er bleibt dort, wo schon immer seine besten Werke gespielt haben: im heutigen England. „I, Daniel Blake“ ist einer der dringlichsten Filme in Loachs langer Karriere, gespeist von der Wut über ein System, das den Ausgegrenzten ihre Würde nimmt. Denn wenn der bekennende Linke von irgendetwas noch mehr überzeugt ist als davon, dass der Kapitalismus Menschenopfer fordert, dann von der notwendigen Solidarität unter wirtschaftlichen Verlierern. Aber keine Angst: Loachs Figuren sind knorrige, liebenswerte Menschen.

Daniel Blake (Dave Johns) ist ein verwitweter Tischler. Jetzt kann er nicht mehr, er ist herzkrank. Der Endfünfziger gerät in die Mühlen eines Sozialsystems. Allein wie der entnervte Blake in der musikdudelnden Warteschleife des Jobcenters hängt, lässt einen mitleiden. Bei einem seiner zermürbenden Termine lernt er Katie (Hayley Squires) kennen, die ihre Kinder nur noch mit der Hilfe von Essenstafeln durchbringt.

Dies wird aber keinesfalls eine Romanze, sondern eine Geschichte vom Überleben. Das Schlimme ist: Solidarität allein reicht dafür – anders als in Loachs früheren Filmen – offenbar nicht mehr. Klar ist dieser Film parteiisch, aber ebenso wie ein Charles-Dickens-Roman ist er auch herzzerreißend. Dabei will Daniel Blake nur eines: keine Sozialversicherungsnummer sein, sondern Bürger in einem Staat, der nicht ausgerechnet in den Schwächsten Sozialschmarotzer sieht.

Anteilnahme, Einfühlungsvermögen sind offenbar nicht die schlechtesten Antriebskräfte für Kinoschaffende. Was Woody Allen in seiner Eröffnungskomödie „Café Society“ fehlte, hat Ken Loach reichlich zu bieten.

Die Ouvertüre der Filmfestspiele von Cannes war eher durchwachsen. Doch geht der Palmen-Wettstreit an diesem Pfingstwochenende erst so richtig in die Vollen, etwa mit Filmen von Jim Jarmusch, Olivier Assayas, Park Chan-Wook oder Andrea Arnold. Und auch die deutsche Regisseurin Maren Ade tritt mit ihrer Tragikomödie „Toni Erdmann“ an.

Stefan Stosch

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