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Eine Heimat für das Exil

Eine Heimat für das Exil

Die Nobelpreisträgerin Herta Müller sprach in Lübeck über Flucht, Vertreibung und darüber, warum Deutschland ein Exil-Museum braucht.

Lübeck. Irgendwann saß sie draußen vor der Tür. Sie hatte kein Büro mehr, keinen Schreibtisch. Sie saß da auf der Treppe einer Maschinenfabrik und übersetzte Texte, die niemand brauchte. Es war wie in Absurdistan. Aber es war Rumänien, das Rumänien Nicolae Ceausescus, also doch Absurdistan. Und wenn Herta Müller davon erzählt, bekommt man einen Eindruck von dem Albtraumhaften einer Existenz unter dem Regime des „Genies der Karpaten“, das tatsächlich ein Menschenvernichter war und ein Tyrann.

Herta Müller hat am Mittwochabend im fast komplett gefüllten Börsensaal des Lübecker Rathauses aus ihrem Leben erzählt und gelesen. Im Gespräch mit dem Thomas-Mann-Experten Tilmann Lahme von der Universität Lüneburg hat sie das getan, und es waren Berichte einer Literaturnobelpreisträgerin, die einen scharfen Blick wirft auf die Dinge und niemanden schont, weder sich noch andere.

Herta Müller hatte sich geweigert, für die Securitate zu arbeiten, die rumänische Staatssicherheit. Also wurde sie drangsaliert. Es sei keine Entscheidung gewesen, sagte sie. Sie habe sich das einfach nicht vorstellen können. Sie war aufgewachsen als Tochter eines früheren SS-Mannes und Alkoholikers, „völlig unbeleckt von jeder Vernunft“. Und das in einem Staat, der sich seine faschistische Vergangenheit schöngelogen und in dem die Staatssicherheit das Leben noch stärker durchwuchert und vergiftet hatte als in der DDR. Es waren solch absurd falsche Umstände, dass sie dafür einfach nicht zu gebrauchen gewesen sei, sagte sie.

Sie erzählte vom Goethe-Institut in Bukarest, zu dem sie und ihre Freunde von der „Aktionsgruppe Banat“ fuhren, stundenlang mit dem Zug aus Temeswar und immer nur einer, weil sie wenig Geld hatten für Fahrkarten. Sie haben sich dort mit deutscher Literatur versorgt, mit Zeitungen, und sie wurden natürlich fotografiert von der Securitate. Wenn Sie zum Verhör ging, war sie geschminkt und trug ihre schönsten Kleider. In der Tasche aber hatte sie Seife, Zahnbürste und ein Handtuch, „für den Notfall“. Also falls man sie einsperren sollte so wie viele ihrer Freunde.

1987 ging Herta Müller mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner in den Westen. Sie fand Aufnahme in der Bundesrepublik, kam sich aber in den Händen deutscher Behörden manchmal vor wie in Rumänien. Sie wäre überall anders hingegangen, wenn jemand sie genommen hätte, sagte sie. Aber sie blieb, eine Schriftstellerin im Exil, die zahllose Ehrungen erhalten sollte und 2009 den Nobelpreis für Literatur.

„Sehr zufrieden“ mit der Wahl zeigte sich damals Günter Grass, der zehn Jahre zuvor ausgezeichnet worden war. Das Exil aber blieb ein Thema, um das ihr Denken kreiste und dem sie jetzt mit einem Museum einen Ort in Deutschland geben will.

Herta Müller ist eine kleine, schmale Person. Die Strenge der dunklen Haare und des Ausdrucks lassen eine eher düstere Gestimmtheit vermuten. Aber das täuscht. Sie hat einen Sinn für Humor, auch wenn der manchmal bitter ist. Sie kann einen Furor entwickeln. Und sie erweist sich als hartnäckig in ihrem Einsatz für ein Haus, in dem die 1933 von den Nazis Vertriebenen zu ihrem Recht kommen.

Sie kämpft schon lange dafür. 2011 hat sie einen Offenen Brief an Angela Merkel geschrieben, 2013 in einem „Spiegel“-Essay dafür geworben. Vorige Woche lud sie in Berlin zu einer Tagung, wo Christoph Stölzl, der frühere Generaldirektor des dortigen Deutschen Historischen Museums, die Gegend um den Anhalter Bahnhof als geeignet vorschlug. Von dort waren damals die Züge mit den Emigranten abgefahren. „Wer im Exil war, gilt in Deutschland bis heute nicht als Opfer“, klagte Herta Müller. Auch sie hätten ihre Heimat verloren, als Heimatvertriebene aber gälten bis heute andere.

Allerdings: „Heimat ist das, was man nicht ertragen kann und was man nicht loswird. Es stimmt beides.“

Peter Intelmann

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