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Eine Kohlenhandlung als Ort des Widerstands

Eine Kohlenhandlung als Ort des Widerstands

Berlin. Ein unansehnlicher, mit bunten Graffiti vollgesprühter weißer Flachbau, provisorisch eingezäunt, unmittelbar neben den Gleisen der Ringbahn. Nichts deutet darauf hin, dass das schmucklose Gebäude ein geschichtsträchtiger Ort ist. Bisher zumindest. Denn das ändert sich gerade.

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Die ehemalige Kohlenhandlung im Süden der „Roten Insel“, heute ein Teil des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg, war ein bedeutender konspirativer Treffpunkt des Widerstandes gegen die Nazi-Herrschaft. Seit 2012 bemüht sich ein Arbeitskreis um die Errichtung eines historischen Lern- und Gedenkortes.

Julius Leber, 1891 in Biesheim (Elsass) geboren, kam nach kaufmännischer Ausbildung, Ökonomie-Studium und Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1921 nach Lübeck, wo er als Redakteur des sozialdemokratischen „Lübecker Volksboten“ arbeitete. Bereits 1912 war er in die SPD eingetreten. Nach seiner Wiederwahl als sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter wurde er im März 1933 in Lübeck verhaftet, im Mai 1937 wurde er aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen. Er folgte seiner Frau Annedore, einer Tochter des Katharineums-Direktors Georg Rosenthal. Sie war 1935 nach Berlin übergesiedelt und hatte in der Kohlenhandlung „Bruno Meyer Nachfahren“ eines aus dem Staatsdienst entlassenen Sozialdemokraten Beschäftigung gefunden. 1939 stieg er zum Teilhaber auf. Bald stellte Leber, der Kontakt zu verschiedenen Widerstandsgruppen hatte, die Kohlehandlung als Treffpunkt zur Verfügung. In den Jahren 1943/1944 wurde sie regelmäßig von führenden Vertretern des „Kreisauer Kreises“ aufgesucht.

Fünf Jahre nach Kriegende erinnerte sich der damalige Bundespräsident Theodor Heuss: „Die zwei kleinen Zimmer in dem fragwürdigen Häuschen, nahe bei dem Bahnhof Schöneberg, zwischen den Kohlebergen der Firma B. Meyer & Co, waren eine rechte Verschwörerbude (…). In der Hinterstube, auf verhockten Sesseln hatte die politische Leidenschaft ihre Herberge, verachtender Hass und brennende Liebe.“

Die Bedeutung Lebers im Widerstand zeigt sich daran, dass er im Umfeld des Hitler-Attentäters Claus Graf Schenk von Stauffenberg als zukünftiger Innenminister vorgesehen war. Doch dazu kam es nicht.

Von einem Spitzel der Gestapo verraten, wurde Leber am 5. Juli 1944 verhaftet und in einem Schauprozess des Volksgerichtshofes zum Tode verurteilt. Am 5. Januar 1945 wurde er in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Die Kohlenhandlung wurde im letzten Kriegsjahr bei einem Bombenangriff zerstört. Erst 1948 nahm Annedore Leber, nunmehr alleinige Inhaberin, den Betrieb erneut auf. Darin betreute sie auch ihren Verlag, in dem Bücher zum Widerstand erschienen. Im Zuge einer Erweiterung entstand in den 1950er Jahren auch jener Bau, der heute noch auf dem Gelände erhalten ist. 1973, fünf Jahre nach ihrem Tod, wurde der Kohlenhandel eingestellt, das Gelände aber weiterhin gewerblich benutzt. Schließlich wurden die frühere Kohlenhandlung und das Gelände 2009 vom Berliner Senat erworben, drei Jahre später stand der Abriss sämtlicher Gebäude auf der Tagesordnung. Im Fall der Kohlenhandlung konnte dies verhindert werden.

Seminare zur Stärkung der Demokratie geplant

Ein Arbeitskreis aus dem Stadtteilverein Schöneberg, der Berliner Geschichtswerkstatt und engagierten Anwohnern setzte sich dafür ein, den Flachbau zu erhalten und zu einem Gedenk- und Lernort umzugestalten. Ein wichtiger Durchbruch gelang 2016, wie Andreas Bräutigam von der Erinnerungsinitiative berichtet. Das Bezirksamt schloss einen Nutzungsvertrag mit dem Stadtteilverein ab. Bis 2019 soll das Gebäude grundsaniert werden und einem Museum mit Seminarraum Platz bieten. „Im Vermächtnis von Annedore und Julius Leber sollen dort Seminare und Bildungsveranstaltungen zur Stärkung von Demokratie und gesellschaftlichem Engagement stattfinden, die nicht zuletzt gegen Populismus, autoritäre ‚Lösungen’ sowie soziale und rassistische Ausgrenzung immunisieren sollten“, erklärt Andreas Bräutigam.

Die ersten Architektenpläne für einen Umbau des Gebäudes liegen vor. Nun gelte es, die nötigen Gelder einzuwerben. Das Interesse aus dem Bezirk und der Zuspruch bei kulturellen Veranstaltungen stimmten ihn optimistisch. Erst im Oktober brachten Auszubildende des Annedore-Leber-Bildungswerkes in einem Musical Schlüsselszenen aus dem Leben von Julius und Annedore Leber auf die Bühne.

Weitere Informationen:

www.gedenkort-leber.de

Von Hansjörg Buss

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