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Eine Lektion in Kasino-Kapitalismus

Lübeck Eine Lektion in Kasino-Kapitalismus

Da tanzen die Puppen: „Lehman Brothers: Aufstieg und Fall einer Dynastie“ am Theater Lübeck.

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Nach den Gündern, die aus Europa ausgewandert sind, übernehmen die hemdsärmligen Nachfahren die Firma Lehman Brothers. Die Gier wird grenzenlos. FOTOS: FALK VON TRAUBENBERG

Lübeck. . Die Geschichte der Lehman Brothers könnte den uramerikanischen Mythos „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ illustrieren, wenn da nicht der Schluss wäre: der tiefe Fall der Firma im Jahr 2008, der die gesamte Finanzwelt ins Wanken brachte. Die Folgen sind heute noch nicht bereinigt und brachten letztlich auch das Phänomen Trump zum Vorschein: einen Milliardär als Rächer der Leute am Ende der Verliererskala.

 

LN-Bild

Der italienische Autor Stefano Massini hat daraus das Theaterstück „Lehman Brothers: Aufstieg und Fall einer Dynastie“ gemacht, besser gesagt: eine epische Erzählung mit wenig Dialogen, die Personen sind nur skizzenhaft angelegt. Regisseur Gernot Grünewald erlaubt sich für seine Version am Theater Lübeck deshalb einen Kunstgriff: Das Personal des Stücks wird von Marionetten verkörpert. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler bewegen sie und geben ihnen ihre Stimmen. Damit die Zuschauer das Geschehen, das sich in einer Vielzahl von kartonkleinen Bühnenbildern (Ausstattung: Michael Köpke) auf der Drehbühne abspielt, detailliert verfolgen können, fangen die Akteure die Szenen mit Videokameras ein. Auf einer Leinwand werden die Figuren überlebensgroß sichtbar.

Da sind zu Beginn, in den 1840er Jahren, drei jüdische Brüder aus dem fränkischen Ort Rimpar, die es in den US-Bundesstaat Alabama verschlagen hat. Die struppigen Gestalten starten hier einen Grundkurs in kapitalistischem Wirtschaften, sie handeln erst mit „Tuchwaren und Kleidung“, dann mit Baumwolle, bald erfolgreich mit allen möglichen Rohstoffen. Nach dem Tod des ältesten Bruders folgen die beiden verbliebenen Lehmans dem Ruf des Geldes nach New York. Dort gibt es zwar keine Baumwolle – aber hier wird abkassiert.

In fein ausgearbeiteten Kontoren, die der Augsburger Puppenkiste zur Ehre gereichen würden, spielen sich die Szenen ab, die den Aufstieg der Clanmitglieder zu Eigentümern eines Bankhauses nachzeichnen. Die Männer verbarrikadieren sich hinter Schreibtischen, gehen mehr oder weniger erfolgreich Ehen ein, es werden Nachfolger gezeugt, die alles besser wissen und machen wollen. Lehman Brothers überstehen Krisen und Kriege, die Firma bereichert sich an den Katastrophen der Geschichte. Bobby Lehman, Dynastie-Chef nach dem Börsencrash von 1929, setzt darauf, dass künftig nicht mehr die Produktion, sondern der Konsum von Waren die großen Profite beschert: Autos, Fernseher, später auch Computer.

Von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur hochentwickelten Kasino-Gier der Geldleute im späten 20. Jahrhundert. Der Wahnsinn greift um sich, die Firma wechselt die Besitzer. Trader und Investmentbanker bekriegen sich bei Lehman, bis 2008 die Immobilienblase platzt und die Pleite einleitet.

Das alles wird über zweieinhalb Stunden flüssig durcherzählt. Patrick Berg, Nadine Boske, Matthias Hermann, Susanne Höhne, Andreas Hutzel und Vincenz Türpe bewegen die Figuren virtuos und sprechen 60 Rollen. Doch an der Inszenierung haften zwei Probleme.

Das Marionettenspiel: Die Figuren, gebaut von Judith Mähler, haben starre Gesichter und können als Zeichen wechselnder Gefühlszustände nur mit den Armen wedeln. Dramatik verleiht ihnen allein die Stimme ihres Strippenziehers, was gelegentlich irritierend ist.

Der Einsatz der Videotechnik: Will man das Geschehen nicht als Hörspiel verfolgen, muss man ständig mehrere Spiel-Ebenen im Blick haben: die Schauspieler, die Figuren in ihren Bühnenbildern, dann ihre Vergrößerung auf der Leinwand. Anstrengend.

Regisseur Grünewald versöhnt letztlich aber durch seinen Epilog. Da erscheint ganz real Richard S. Fuld Jr., letzter und für den Crash verantwortlicher CEO von Lehman Brothers, auf der Leinwand (das Originalvideo einer Anhörung vor dem US-Kongress) und wird von den Schauspielern ins Verhör genommen. Der Mann, der während seiner Zeit bei Lehman eine runde Milliarde US-Dollar eingestrichen hat, gibt den armen Wicht und das Opfer der Pleite. Die Lehmans selig würden sich im Grabe drehen.

Als Lehre aus dem Drama könnte man wieder einmal einen Satz von Bertolt Brecht zitieren: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Ausgiebiger Beifall nach der Premiere in den Kammerspielen.

Drei Brüder

Die Lehman Brothers hießen ursprünglich Hayum, Mendel und Maier Lehmann (Foto oben als Marionetten). Sie kamen Mitte des 18. Jahrhunderts aus Franken in die USA. Mit der Lehman-Pleite von 2008 hatte der Clan nichts mehr zu tun.

Weitere Vorstellungen an den Kammerspielen des Theaters Lübeck: heute, 18.30 Uhr; Mi., 21. Dezember, 20 Uhr.

Michael Berger

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