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Eine Lübeck-Skizze kehrt zurück

Lübeck Eine Lübeck-Skizze kehrt zurück

Ein Blatt aus dem Nachlass des polnischen Malers und Auschwitz-Überlebenden Jerzy Adam Brandhuber.

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Lübeck. Sommer 1945: Inmitten der Trümmerlandschaft, die von der Lübecker Altstadt geblieben ist, sitzt ein Mann und zeichnet. Das mag den Passanten merkwürdig vorkommen, die in diesen bitteren Nachkriegswochen alles andere im Kopf haben als Kunst. Sie ahnen nicht, dass der polnische Maler Jerzy Adam Brandhuber gerade der Hölle dieses Krieges entkommen ist, dem Vernichtungslager Auschwitz. Die einsame Arbeit mit Skizzenblock und Kohlestift sind ein Versuch zur Eigentherapie – erste Schritte zurück ins Leben. Etwa 40 Lübeck-Ansichten schuf Brandhuber in seinem Jahr in Lübeck, bevor er nach Polen zurückkehrte.

LN-Bild

Ein Blatt aus dem Nachlass des polnischen Malers und Auschwitz-Überlebenden Jerzy Adam Brandhuber.

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Eine dieser Zeichnungen ist jetzt aus dem Besitz des Museums Auschwitz nach Lübeck zurückgekehrt. Sie wurde Richard Pyritz als Geschenk überreicht, der sich mit seinem Rotary Club Ratzeburg-Alte Salzstraße seit Jahren in Oswiecim (Auschwitz) für den Erhalt des Museums und vor allem für die Arbeit der dortigen Internationalen Jugendbegegnungsstätte engagiert.

Jerzy Adam Brandhuber (1897- 1981) ist in Polen ein namhafter Maler, der bis zu seinem Tod rund 80 Gemälde und Zeichnungen zum Leben im Konzentrationslager Auschwitz anfertigte. Seine Lübeck-Zeichnungen, die seinerzeit auch in einer Ausstellung gezeigt wurden, sind Vorübungen zu dem Zyklus „Vergessene Erde“, den er unmittelbar nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Krakau schuf.

Jerzy Brandhuber im Jahr 1947

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Die Bilder haben keinen dokumentarischen Charakter, sondern spiegeln das erlebte Grauen in Symbolen wie Händen, Kappen oder Schuhen. Über die Ausstellung in Lübeck, die, so Brandhuber in einem autobiografischen Bericht von 1973, „sowohl bei Besuchern als auch bei den Kritikern Erfolg hatte“, ließen sich keine Angaben auffinden. Die Mitteilungsblätter, die die britische Besatzungsbehörde unmittelbar nach Kriegsende herausbrachten, erwähnen sie nicht.

Brandhuber hatte in Krakau Malerei an der Akademie der Schönen Künste studiert und war als Kunsterzieher in einem Gymnasium in Jaslo tätig, bis er 1942 wegen seiner Untergrundarbeit gegen die deutschen Besatzer verhaftet wurde. Ab Januar 1943 war er in Auschwitz inhaftiert. Im Oktober 1944 wurde er in das KZ Sachsenhausen verlegt und beim Vorrücken der Roten Armee auf einen Todesmarsch Richtung Ostsee getrieben. Bei Schwerin wurde er am 3. Mai 1945 von britischen Truppen befreit.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit war Brandhuber ab 1947 als Kurator im Museum Auschwitz tätig. Sein ganzes weiteres Leben widmete er der Arbeit an und in dem Museum. In seinen Erinnerungen von 1973 beschreibt Brandhuber, wie ihm sein künstlerisches Talent das Überleben im Vernichtungslager ermöglichte. Er wurde im Kommando Bekleidungskammer eingesetzt und machte sich mit dem Ausschmücken von Amtsstuben und Wohnräumen sowie mit Porträtzeichnungen unentbehrlich.

 Matthias Schütt

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