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Eine Nacht mit Poesie und Liederlichem

Lübeck Eine Nacht mit Poesie und Liederlichem

Rekordbeteiligung bei der 10. langen Theaternacht in Lübeck: Am vergangenen Sonnabend sorgten mehr als 3000 Besucher an 27 Orten für eine volle Hütte. Sie erlebten Überraschungen und viel Komödiantisches.

Wenn die Putzfrau sich als kleines Luder entpuppt, wird es „Liederlich“: Lidwina Wurth, Wolfgang Benninghoven und Pianist Thomas Goralczyk im Theater Combinale.

Quelle: Wulff

Lübeck. Bei der Theaternacht kann man zwei Besucher-Typen ausfindig machen: Jene, die streng nach Plan Vorstellungen besuchen, und die anderen, die sich treiben lassen. Aus eins und zwei rekrutiert sich eine dritte Fraktion: die Schnäppchenjäger. Die trifft man an den Schlangen vor den Theaterkassen im Großen Haus. Hier tauscht man sich darüber aus, was man noch sehen muss.

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Rekordbeteiligung bei der 10. langen Theaternacht in Lübeck – Am vergangenen Sonnabend sorgten mehr als 3000 Besucher an 27 Orten für eine volle Hütte – Sie erlebten Überraschungen und viel Komödiantisches.

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Hier kann man auch günstige Tickets für Vorstellungen der laufenden Spielzeit ergattern – alle Plätze kosten 13 beziehungsweise acht Euro.

 Marina Beck gehört zu den Zielstrebigen. „Für mich ist die Aufführung vom TanzOrtNord jedes Jahr ein Muss“, sagt die Lübecker Lehrerin. Begeistert ist sie vom „tollen Ambiente“ im Heiligen-Geist-Hospital und von der tänzerischen Darbietung von Alltagsszenen in „Nord-Süd“: morgendliches Aufsteh-Ritual, mediterranes, lautstarkes Kochen – und Frösteln mit Mütze, Schal und Handschuhen im hohen Norden.

Thomas Einfalt gehört zur zweiten Fraktion und lässt sich treiben. Er startete im fund:us an der Moislinger Allee. Der Mathematiker: „Ich war letztes Jahr schon hier und habe die ersten Zuckungen miterlebt. Jetzt war ich neugierig, was sich hier getan hat.“ Das schräge Charles-Bukowski-Programm war für den Amateurschauspieler der „perfekte Auftakt“.

 Diana Kuchenbecker hat sich mit der vierköpfigen Familie in die Warteschlange vor der Theaterkasse eingereiht. Sie sind zum ersten Mal hier und wollen Karten für die „West Side Story“ kaufen.

„Falls die weg sind, nehmen wir ,Sunset Boulevard‘“, sagt Diana Kuchenbecker. Die Familie hat bereits das Combinale, die Kulturrösterei und das Theaterschiff abgegrast und war im Großen Haus des Stadttheaters. Was hat ihnen am besten gefallen? Die elfjährige Janne tut kund: „Tussi-Park auf dem Theaterschiff war am lustigsten!“

Deutlich mehr als 3000 Besucher sorgten an 27 Orten für eine volle Hütte. So auch in den Kammerspielen des Theaters Lübeck bei der Kostümversteigerung. Schauspieler Henning Sembritzki pries in hautengen Glitzerleggings, High Heels und mit gekonntem Hüftschwung den Mantel aus „echtem Seetang“ oder „ein Kleid von den Wagner-Festspielen“ an. Seine Parodie des Models Jorge González aus der TV-Show „Germany’s Next Topmodel“ brachte das Publikum zum Lachen. Jana Leverenz erstand nach einer öffentlichen Anprobe ein hellblaues Prinzessinnenkleid. „Ich gehe gerne auf Kostümpartys“, sagte sie.

Für „Kafka im Aufzug“ waren bereits um 19 Uhr die Karten ausverkauft. In dem Theater-Lastenaufzug quetschen sich jeweils 25 Personen, Sven Simon interpretierte mit Zylinder Franz Kafkas Erzählung „Ein Hungerkünstler“, der von Jan Byl verkörpert wurde. Zum Schluss überraschten Monster mit Tiermasken die Zuschauer und übernahmen den Fahrstuhl.

„Günter Grass gegen den Rest der Welt“: Acht Dichter traten zu später Stunde im Großen Haus beim Poetry Slam gegeneinander an: mit Timo Tank, Jochen Weichenthal, Rachel Behringer und Andreas Hutzel vier Mitglieder des Schauspielteams des Theaters Lübeck. Ihre Konkurrenten: die Slammer Andy Strauß, Tobias Gralke, Theresa Hahl und Temye Tesfu. Nach dem ersten Durchgang sah es so aus, als wenn die Schauspieler mit ihren Günter-Grass-Performances chancenlos wären. Andreas Hutzel riss das Team aber raus – mit einer etwas verrätselten Performance. „Ich bin Andy, 48.“ Er präsentierte einen Grass, der eigentlich nur an dem angeklebten Walrossbart wiederzuerkennen war. Was zum Vorschein kam, als er die Hose runterließ, bereitete dem Publikum großes Vergnügen: eine Badehose aus beigem Cord.

Im Finale trat Hutzel noch einmal an, und zwar gegen Tobias Gralke, den Punkte-Stärksten der ersten Runde. Gralke bot eine mitreißende Performance, bei der er das Publikum mitnahm in das Land, in dem der Pfeffer wächst.

Andreas Hutzel, dieses Mal in voller Günter-Grass-Kluft und mit kräftig rauchender E-Pfeife, imitierte den Schriftsteller beinahe unheimlich perfekt. Seine Präsenz war es wohl, die ihm den entscheidenden kleinen Vorteil in der Gunst des Publikums brachte.

Wenn die Probe schon beeindruckt, ist das eine gute Werbung für das Stück. Die vier Tänzer und Sänger Corina Zurbuchen, Elisa Pape, Arvid Johansson und Dominik Müller gaben den Besuchern gemeinsam mit ihrer Choreografin Lillian Stillwell einen Einblick in das harte Tanztraining für das Stück „Sunset Boulevard.“ Immer wieder übten die Tänzer auf der neuen Probebühne dieselben Schritte, die sie selbst mitentwickeln konnten.

Abends dann im Combinale, als die Putzfrau den Kittel abwarf und „Zieh dich aus, Petronella“ schmetterte, wurde es „Liederlich“. Lidwina Wurth und Wolfgang Benninghoven präsentierten „Erotisches zur Nacht“, extra konzipiert für diesen Abend. Doch weil es allen so viel Spaß gemacht hat, soll daraus nun ein neues Programm entstehen – schöne Nebenwirkung der Theaternacht.

Viele junge Leute bei der Theaternacht

3350 Tickets wurden bei der 10. Theaternacht verkauft, das sind rund 100 mehr als im vergangenen Jahr. Mit 210 kostenlosen Kinderkarten steigt die Anzahl der kleinen Theaternachtbesucher bis 14 Jahre leicht auf sechs Prozent an. Positiv überrascht sind die Veranstalter über die vielen jungen Erwachsenen, die sich in größerer Anzahl als in den Vorjahren unter das Theaternachtpublikum gemischt haben.

Das Feedback der 27 teilnehmenden Theater und Akteure ist durchweg positiv. Alle waren mit den Besucherzahlen und der Stimmung in ihren Häusern zufrieden und konnten mehrfach Eintrittskarten für kommende Aufführungen verkaufen. Besonders die kleinen Bühnen der Stadt erlebten sehr gut besuchte Veranstaltungen. Das Mobile Circustheater Ea Paravicini, erstmalig in Kooperation mit dem Ensemble des Kvartier minne-colson dabei, zog auch Spontan-Zuschauer mit einer spektakulären Open-Air-Show in seinen Bann.

Die nächste Theaternacht findet am Sonnabend, 7. Oktober 2017, statt.

 Dku, Liz, Ph, Ar

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