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Eine Schau der schönsten Albträume

Eine Schau der schönsten Albträume

Kiel. Die Pupillen verschwimmen in milchigem Weiß, hochgezogene Lefzen entblößen das blutrünstige Gebiss: Eine angsteinflößende Bestie empfängt den Besucher in der Stadtgalerie Kiel. Der Höllenhund ist auch das Flyer-Motiv der Schau „Neue Schwarze Romantik“, die derzeit großen Eindruck macht.

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Dezenter Grusel: „The Revenge of Kindergeburtstag“, eine Arbeit von Moritz Stumm.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Glücklicherweise ist „Khaver“, die zähnefletschende Bestie, nur eine Tuschezeichnung, 2012 von Moritz Stumm erschreckend naturalistisch auf Papier gebannt. Wer sich aufmacht, die insgesamt 80 Bilder, Videos, Installationen und Objekte auf sich wirken zu lassen, darf sich auf allerhand gefasst machen.

Die Künstler spielen in ihren Arbeiten mit den Ängsten ihres Publikums, stoßen dunkle Fantasien an und treiben dabei oft ein listiges Spiel mit der Wahrnehmung.

Einige finden ihre Referenz bei Mary Shelleys Dracula oder in der Kunstgeschichte – etwa im „Eismeer“ von Caspar David Friedrich, dessen düster-romantisches Landschaftsideal auch als Setting für einen Messerstecher herhalten muss. „Es ist eine sehr heutige Schau, da wir in einer angstbesetzten Zeit leben“, sagt Christoph Tannert, Kurator der Ausstellung und künstlerischer Direktor des Künstlerhauses Bethanien in Berlin.

Den Anstoß zu dem Projekt, seiner zweiten Kooperation mit der Stadtgalerie, gab 2012 die Sonderausstellung Schwarze Romantik im Frankfurter Städelmuseum, in der nur die Klassiker des Genres vertreten waren. Die Berliner Wanderausstellung, die „Neue Schwarze Romantik“, öffnet sich der jungen, zeitgenössischen Kunst. Dafür sind Tannert und sein Team „mit dem Schleppnetz losgezogen“ – auf der Suche nach Künstlern, die sich mit den düsteren Visionen und Ängsten unserer Zeit auseinandersetzen. Entsprechend häufig trifft man auf Totenschädel und vermummte Gesichter, eine Bodeninstallation mit Benzinkanister lässt an Brandanschläge denken. Die Motive sind überwiegend gegenständlich, meist selbsterklärend, jedoch keinesfalls leicht konsumierbar.

Manch einer wird sich in seinem schönsten Albtraum wiederfinden. Ein perfides Spiel mit der Angst ist auch Ruprecht von Kaufmanns herausragendes Gemälde, das ein Kind mit Schwimmflügeln zeigt – ausgeliefert der Urgewalt eines dunklen, aufgewühlten Meeres. Und so ist der Gang durch die Ausstellung keinesfalls mit einer Fahrt in der Geisterbahn zu vergleichen. So richtig witzig gemeint ist hier gar nichts, nicht einmal der verspiegelte, mit Luftschlangen behängte Wildschweinschädel, umgeben von einem halbleeren Bierglas nebst Zigarettenstummeln: „The Revenge of Kindergeburtstag“ von Moritz Stumm ist ein weiteres Vanitas-Motiv. Allerdings ein sehr originelles.

Die Schau ist in der Stadtgalerie Kiel noch bis zum 31. Oktober zu sehen.

Von Sabine Tholund

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