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Eine Schlager-Antiquität und ein Spaß-Choleriker

Lübeck Eine Schlager-Antiquität und ein Spaß-Choleriker

Mary Roos und Wolfgang Trepper mit klarer Rollenverteilung in der MuK.

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Tütenlampen und Sitzgarnitur erinnern an selige Schlager-Zeiten, Roos und Trepper beschwören sie sehr unterschiedlich.

Quelle: Thorsten Wulff

Lübeck. Warum heißt das Programm, in dem der Komödiant Wolfgang Trepper auf die Sängerin Mary Roos trifft, „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“? Trepper erklärt es zu Beginn des Duo- Abends in der Lübecker Musik- und Kongresshalle: Erstens sei das ein Zitat von Heino, der diese drei Dinge bei seinen Auftritten in der Garderobe vorzufinden wünsche (und dann regelmäßig tobe: „Und wo sind die Erdbeeren?“); und zweitens handele das Programm von der Geschichte des deutschen Schlagers, weshalb jeder Querverweis auf Heino erlaubt sei.

Trepper empfiehlt verschwörerisch: „Wenn gleich die alte Schachtel reingerollt wird, dann klatscht besonders laut – sie hört jetzt schlecht.“ Damit ist die Rollenverteilung klar: Der 55 Jahre alte Lautsprecher kann weder das deutsche Liedgut noch seine Interpreten leiden. „Alles scheiße“, das schreit er immer wieder heraus. Und die 67 Jahre junge Mary Roos muss ihre leichte Kunst mit Charme verteidigen – zumindest ein wenig und an Beispielen. Sie erscheint wirklich und wahrhaftig, und zwar beschwingt und ganz in Rot und mit immer noch frischer Stimme.

„Wie lange wollen Sie das noch machen?“ heißt ihr erstes Lied, das sie selbstironisch mit vierköpfiger Band vorträgt. Trepper insistiert: „Wir müssen Pausen machen, die Alte muss unters Sauerstoffzelt.“ Oder auch: „Mary Roos kannte das Tote Meer, als es noch krank war.“

Mehr hat der Mann nicht drauf. Doch das Publikum tobt bei seinen Tiraden gegen die Branche. Roos singt sich ungerührt durch Hits der 1960er und 1970er Jahre, „Liebeskummer lohnt sich nicht“, „Schuld war nur der Bossa nova“ bis zu ihrer Version von „My Way“: „So leb dein Leben.“ Auch davon ist der Saal hingerissen, es sind ja fast nur Zeitzeugen anwesend. Trepper säuft dazu Jägermeister, und ganz zum Schluss wird er sentimental und versöhnlich – er ist eben nur ein Schein-Choleriker und verhilft einer Schlager-Antiquität durch Verspottung zu neuer Frische und Aufwertung. Bravo!

mib

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