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Eine Stiftung zum Kniefall

Lübeck Eine Stiftung zum Kniefall

Mit einer Million Euro erinnert der verstorbene Lübecker Wirtschaftsprüfer Rolf Grasse an Willy Brandts historische Geste.

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Es war der 7. Dezember 1970 und die Geste eines Mannes, der als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland für sein Volk um Vergebung bat.

Quelle: dpa

Lübeck. Es war ein regnerischer Tag, als Willy Brandt am Ehrenmal des Warschauer Ghettos plötzlich auf die Knie sank. Es war der 7. Dezember 1970 und die Geste eines Mannes, der als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland für sein Volk um Vergebung bat.

Rolf Grasse hat die Szene tief berührt. Sie hat ihn nicht mehr losgelassen. Und heute trägt eine von ihm gegründete Friedens-Stiftung dieses Datum im Namen. Am Mittwoch kommender Woche wird in der Aegidienkirche die Gründungsfeier stattfinden. Der Stifter selbst aber wird fehlen. Der Lübecker Steuerberater und Wirtschaftsprüfer ist im März nach schwerer Krankheit kurz vor seinem 67 Geburtstag gestorben.

Eine Million Euro beträgt das Kapital, das Grasse bereitgestellt hat. Zweck der Stiftung ist es, alljährlich zum 7. Dezember in einer der vier Innenstadtkirchen (St. Marien, St. Jakobi, St. Aegidien, Dom) ein Kirchenmusikkonzert zu veranstalten. Darüber hinaus aber sollen allgemein Kunst, Kultur, Völkerverständigung, internationale Gesinnung und Toleranz gefördert werden. Gedacht ist an Vorträge, Ausstellungen und andere Aktionen, nicht nur für junge Leute, aber gerade auch für sie.

Bei der Feier in der Aegidienkirche werden Ex-Ministerpräsident Björn Engholm und Bürgermeister Bernd Saxe Grußworte sprechen. Das Leipziger Ensemble Amarcord wird mit Eckhard Bürger und Johannes Unger zu hören sein. Bürger leitet den Lübecker Bach-Chor und ist Kirchenmusiker an St. Aegidien, Unger ist Organist an der Marienkirche. Eingeladen sind alle interessierten.

Das jährliche Konzert zum 7. Dezember soll vom Organisten der jeweiligen Kirche künstlerisch gestaltet werden. Grasse wünschte, dass auch ausländische Musiker teilnehmen, vor allem aus jenen Ländern, die unter Hitlers Vernichtungskrieg zu leiden hatten.

Die Stiftung – eine Treuhandstiftung der 4 Viertel-Stiftung Kirchenmusik – arbeitet mit dem Lübecker Willy-Brandt-Haus zusammen. Dessen Leiter Jürgen Lillteicher gehört neben der Witwe Birgit Grasse sowie Henning Schewe und Angelika Richter (beide 4 Viertel-Stiftung) dem vierköpfigen Stiftungsrat an. Der Kniefall von Warschau sei eine „Geste der Weitsicht“ gewesen, sagte die Ehefrau des verstorbenen Stiftungsgründers. Sie wünsche sich, dass die Geste „Mahnung“ und „Vorbild“ sei.

Den Gedanken an etwas Bleibendes habe Grasse schon vor langer Zeit gehabt, sagte seine frühere Lebensgefährtin Kirsten Kunz. „Er wollte etwas hinterlassen.“ Er sei ein liberaler Mensch gewesen, ein Christ, der sich engagierte für Dinge, die ihm wichtig waren. Mitte der Neunzigerjahre war er mit seinem Büro von Reinfeld nach Lübeck gezogen und gründete über die Jahre Filialen in Travemünde, Bad Schwartau und Rostock mit zusammen rund 150 Mitarbeitern.

Vor zwei Jahren hat Rolf Grasse festgehalten, wie bedeutend der Kniefall Willy Brandts für ihn gewesen ist. Aufgewachsen in Aschaffenburg, habe er die Nachkriegszeit als eine dunkle Phase erlebt, die nichts zu tun haben wollte mit den Nazi-Verbrechen. Es sei eine bleierne Zeit gewesen, erst aufgebrochen durch die unruhigen Studenten Ende der Sechzigerjahre. Das „Thema Auschwitz“, schrieb er, sei für ihn „allgegenwärtig“ geblieben. Der Kniefall von Warschau habe daher wie eine Befreiung gewirkt, „eine Geste, die eine Mauer durchbricht“. Sie sei „die Brücke zwischen einer dunklen Vergangenheit und einer hoffentlich über Jahrhunderte andauernden wahrhaftigen Gegenwart“.

Auch Brandt-Haus-Leiter Jürgen Lillteicher unterstrich den Stellenwert des Kniefalls. Er fehle in keinem Rückblick auf das vergangene Jahrhundert, sagte er. Chinesischen Besuchern etwa sei die Geste bekannt, auch wenn sie wenig über die Person Willy Brandt und den historischen Hintergrund wüssten. Ähnlich verhalte es sich heute mit jungen Leuten. Der Kniefall als Ausdruck der Demut und der Bitte um Vergebung habe eine politische, aber auch eine zwischenmenschliche, religiöse Komponente und füge sich daher ein in das kirchliche Umfeld. Im Übrigen sei Willy Brandt zeitlebens und entgegen anderslautenden Behauptungen immer Mitglied der Kirche geblieben.

Kirchenmusikalische Gründungsfeie der „Stiftung zum 7. Dezember 1970“: Mi., 7. Dezember, 19.30 Uhr, St. Aegidien, mit dem Ensemble Amarcord.

 Peter Intelmann

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