Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Eine Vaterfigur für Willy Brandt
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Eine Vaterfigur für Willy Brandt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:12 03.01.2018
Julius Leber, gezeichnet von einem SA-Überfall, am 19. Februar 1933 auf dem Burgfeld. Es war sein letzter Auftritt in Lübeck. Quelle: Foto: A.-&-J.-Leber-Archiv
Lübeck

Im März 1972 steht Willy Brandt im Audienzsaal des Lübecker Rathauses. Man hat ihn zum Ehrenbürger gemacht, nicht wenige unter Schmerzen. Jetzt bedankt er sich und kommt auf zwei Männer zu sprechen: auf seinen alten Lehrer Eilhard Erich Pauls und auf Julius Leber, den Mann, den er später einen „Helden“ nennt.

Leber hat den jungen Willy Brandt tief beeindruckt. Herbert Frahm hieß der damals noch und war ein unruhiger Geist, der die Sozialdemokratie in der alten Hansestadt mit seinen linken Genossen auf Trab zu halten gedachte. Leber war damals Reichstagsabgeordneter und Chefredakteur des Lübecker „Volksboten“, eines sozialdemokratisches Parteiblatts mit mehr als 20000 Abonnenten, für das auch der junge Frahm schrieb.

Sie waren sich sehr ähnlich. Wie Willy Brandt hat auch Julius Leber seinen leiblichen Vater nicht gekannt. Er stammte aus dem Elsass, die Herkunft war „mehr proletarisch als kleinbürgerlich“, wie Brandt in seiner Autobiografie „Links und frei“ notierte. 1921 war er nach Lübeck gekommen. „Die Arbeiter vor Ort verehrten ihn“, schrieb Brandt. „Ein borniertes Bürgertum brachte ihm blanken Hass entgegen. Mir war er ein Vorbild: Ein höheres Ziel als das eines Chefredakteurs und Reichstagsabgeordneten konnte ich mir ohnehin nicht vorstellen.“

Sie gerieten auch aneinander, natürlich. „Leber äußerte sich damals über radikale junge Leute wie mich ohne Schonung, und wir blieben ihm nichts schuldig.“ Aber als der Ältere am Tag nach der Machtergreifung von SA-Leuten überfallen und schwer verletzt wurde, schlug auch der Junge Alarm. In Großbetrieben wie der LMG legten Beschäftigte die Arbeit nieder, abends wurde demonstriert, und Brandt selbst versuchte einen Proteststreik zu organisieren. Leber kam auf Kaution frei und war dabei, als sich am 19. Februar 15000 Menschen bei klirrender Kälte auf dem Burgfeld zur Kundgebung versammelten. Zwei Monate später wurde er in Berlin erneut verhaftet und erst im KZ Esterwegen und dann in Sachsenhausen gequält.

1937 kam er frei und fand zum Widerstand um den „Kreisauer Kreis“. Auch zu Brandt im skandinavischen Exil suchte er den Kontakt. 1944 aber wurde er vom Volksgerichtshof als Verschwörer zum Tode verurteilt und am 5. Januar 1945 hingerichtet. „Nicht einmal vier Monate später, und Julius Leber wäre ein freier Mann gewesen“, schrieb Willy Brandt. „Und ein sozialdemokratischer Parteiführer, der das Zeug zum Kanzler ganz gewiss gehabt hätte. So, wie er war – weltoffen und wagemutig, charismatisch und machtbewusst.“ int

LN

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

So viel Ehrungen wie in den vergangenen Monaten hat Jean-Marie Straub selten erfahren. Denn seine schwer zugänglichen Filme lösten bei Publikum und Kritik häufig Unverständnis aus. Mit zunehmendem Alter erhält Straub, der am Montag 85 Jahre alt wird, immer mehr Anerkennung.

03.01.2018

. Die Deutsche Zentralbücherei für Blinde fordert einen erleichterten Austausch von Büchern in Blindenschrift über Landesgrenzen hinweg. Die Europäische Union hatte 2017 eine entsprechende Voraussetzung geschaffen, nun müsse der deutsche Gesetzgeber tätig werden, erklärte die Zentralbücherei.

03.01.2018

. US-Popsänger Justin Timberlake (36) will am 2. Februar sein neues Album mit dem Titel „Man of the Woods“ veröffentlichen. Das kündigte Timberlake auf seiner Internetseite an.

03.01.2018