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Kultur im Norden Eine bärenstarke Frau
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18:10 13.12.2017
Kiel

Er ist eine Art Wappentier von Mandryka, jenem hier auffällig ungeschlachten, cholerischen Landmann aus dem Osten, der in das falsche Getue der dekadenten k.-u. k.-Adelsgesellschaft eindringt wie ein schneestürmisches Naturereignis. Kiels jüngster Kammersänger Tomohiro Takada spielt ihn nicht nur gut, sondern trifft mit perfekt sitzendem Kavalierbariton auch genau die goldene Mitte zwischen eleganter Linie und polterndem Ausbruch. Eine imposante Figur mit stimmlicher Statur und furchterregendem Diener (Arne Prill).

Wenn überhaupt wird es nur eine geben, die diesem Mandryka das Wasser reichen kann: Arabella. Sie will sich befreien aus der Enge der gesellschaftlich steil abstürzenden Adelsfamilie, wo der Vater (ein Spielbass aus dem Buche: Timo Riihonen) mit zitternden Händen und grenzwertig kindischem Gemüt nach der nächsten Glücksspielrunde giert und die Mutter (mit Mezzo-Röhre: Helena Köhne) beschwipst den Vorstadtweiberstand wahren will. Arabella möchte sich endlich von lästigen Ehebewerbern wie den gräflichen Gecken (köstlich blasierte Karikaturen: Fred Hoffmann, Matteo Ferretti und Leonardo Lee) oder dem ungebremsten Schwärmer Matteo (herrlich emphatisch: Michael Müller-Kasztelan) befreien. Sie will bärenstark selbstbestimmt bleiben. Ob ihr das letztlich gelingt?

Lori Guilbeau feiert in der Titelpartie ein glänzendes Debüt. Ihr farbenreicher Sopran hat die richtige Mischung von betörender Lyrik und aufflammend jugendlich-dramatischer Größe. In den weitschwingenden Gesangsbögen, die nicht umsonst seit 84 Jahren die allerschönsten Stimmen locken, geraten nur wenige Töne zu matt. Und erstaunlich anständig gelingt der amerikanischen Südstaatlerin die deutschsprachige Diktion. Guilbeau zeigt im allgemeinen Gewusel auf der Bühne eine unerschütterlich freundlich bestimmte Präsenz, an der sich letztlich alle auszurichten haben. Ein weiteres Glanzlicht, herrlich quecksilbrig im Ton, setzt Mercedes Arcuri als Arabellas kleine Schwester Zdenka. Berührend pubertäts-panisch balanciert sie ihr Hosenrollen-Gehabe irgendwo zwischen Gustav-Adolf-Page und Felix Krull aus. Wie so oft, wenn Generalmusikdirektor Georg Fritzsch Strauss dirigiert, hat man das Gefühl: So muss es sein – mit Temperament und Finesse, dabei wohltuend unsentimental flüssig. Die Kieler Philharmoniker agieren lebendig.

Der Regisseur der Kieler Neuproduktion, Uwe Schwarz, hat ohne Frage genau hingeschaut in den Text und Subtext des großen Librettisten Hugo von Hofmannsthal. Und man sieht auch manche Geste in schöner Kongruenz zu Strauss' Partitur-Chiffren. Ein gewohnt kühner (Gegen-)Entwurf ist dem Rgisseur in seiner Inszenierung diesmal aber leider nicht gelungen, eher eine detailfreudige Verstärkung des Altbekannten. In der ausgestellt spießigen Ausstattung nach historischer Operettenart von Dorit Lievenbrück, wo sich eine Kolonnaden-Architektur wie eine Spieldose dreht, zeigt sich das Hier und Heute allenfalls mal durch eine fotografierende Touri-Gruppe à la Loriot. Überhaupt schimmert gern ein wenig Ironie durch. Anders ist das Wien von 1860 wohl auch nicht zu ertragen.

Tickets

Nach „Der Rosenkavalier“, „Ariadne auf Naxos“ und „Die Frau ohne Schatten“ wurde „Arabella“ zur letzten gemeinsame Arbeit des Erfolgsduos Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. Uraufgeführt am 1. Juli 1933 in Dresden, blickt der „zweite Rosenkavalier“ zurück auf ein Wien des 19. Jahrhunderts und ist wie Verdis Maskenball nach über dreißig Jahren wieder in Kiel zu erleben.

Aufführungstermine im Kieler Opernhaus: Heute und 29. Dezember, 7. und 11. Januar, 3. und 17. Februar, 13. März sowie 6. und 16. Mai.

Karten: 0431 / 901 901.

www.theater-kiel.de

Christian Strehk

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