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Eine große Liebe nach dem verlorenen Krieg

Lübeck Eine große Liebe nach dem verlorenen Krieg

Michael Wallners neues Buch „Der Flug nach Marseille“: Ein Roman vom Ende des Ersten Weltkriegs, der viel Zeitgeschichte enthält – aber auch einige kitschige Passagen.

Szene aus Wallners Thomas-Mann-Adaption „Tod in Venedig“ am Theater Lübeck mit Andreas Hutzel als Aschenbach.

Quelle: Falk V. Traubenberg

Lübeck. Michael Wallner ist in Lübeck wohlbekannt. Am Theater in der Beckergrube ist er regelmäßig als Regisseur und auch als Autor tätig. Er hat 2013 das Großprojekt „Willy Brandt – Die ersten 100 Jahre“ zum runden Geburtstag des aus Lübeck stammenden Friedensnobelpreisträgers gestemmt, in der vergangenen Spielzeit „Tod in Venedig“ nach Thomas Mann auf die Bühne gebracht, und im Herbst wird seine Inszenierung von „Sunset Boulevard“ von Andrew Lloyd Webber mit Gitte Haenning als Norma Desmond zu sehen sein.

 

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Noch so einen Krieg überleben wir nicht.“Jugendfreund Oskar zur Ärztin Julie

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Das Buchcover des neuen Romans von Michael Wallner.

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Noch so einen Krieg überleben wir nicht.“Jugendfreund Oskar zur Ärztin Julie

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Weniger bekannt ist, dass Wallner neben seiner Theaterarbeit auch noch Zeit findet, Romane zu schreiben. Am 15. August erscheint sein neues Buch „Der Flug nach Marseille“.

Es sei die Geschichte einer großen Liebe, heißt es in der Verlagswerbung. Dabei ist der Beginn des Romans wenig romantisch. „Es war Herbst, und der Krieg war verloren.“ Michael Wallner siedelt die Handlung in München am Ende des Ersten Weltkrieges an. Für die 29 Jahre alte Julie Landauer, Ärztin am Schwabinger Krankenhaus, gibt es viel Arbeit. Denn immer noch treffen Verwundete ein, die operiert und versorgt werden müssen.

Julie Landauer ist eine für ihre Zeit erstaunlich selbstbestimmte Frau, im Beruf selbstbewusst und zupackend, in ihren Beziehungen zu Männern jedoch wechselhaft und ohne Ambitionen, sich zu binden. Als sie aber den Journalisten Karl Kupfer kennenlernt, trifft es sie wie ein Blitz. Eine Liebe, die zunächst unmöglich erscheint.

Zwar erwidert der Zeitungsmann ihre Zuneigung, aber er ist gebunden. Dass seine Frau, die Kunstmalerin Nina, an Diabetes erkrankt ist und von Ärztin Julie behandelt wird, macht die Lage nicht einfacher.

Dass gerade die äußere Welt zusammenbricht, geht an den Protagonisten nicht vorüber. Der verlorene Krieg, die Münchener Räterepublik, ihre Zerschlagung: Wallner gelingt ein genaues und lebendiges Porträt dieser Zeit, weil er nicht nur die äußeren Ereignisse, sondern auch die damit verbundenen Stimmungen unter den Deutschen schildert: das Gefühl der Demütigung, die allgemeine Verunsicherung, den aufkeimenden Antisemitismus. „Höchste Zeit, dass wir alle zur Vernunft kommen“, sagt Julie zu ihrem Jugendfreund Oskar. Seine Antwort: „Noch so einen Krieg überleben wir nicht.“

Der Krieg ist überstanden, aber die Frau des Journalisten Kupfer ringt mit dem Tod. Denn gegen Diabetes gibt es noch keine wirksame Therapie. Jedenfalls nicht in Deutschland. Also ersinnt Julie einen tollkühnen Plan. Sie will Nina nach Marseille bringen lassen, wo es einen Wirkstoff geben soll.

Die heimliche Liebe zwischen ihr und dem Ehemann ihrer Patientin gewinnt dadurch noch an Dramatik. Da aber eine Liebe, die aussichtslos ist und bleibt, für die Liebenden quälend und für das Lesepublikum aber langweilig ist, hat Michael Wallner Geschichten und eine Enthüllung ersonnen, die die Sache spannend machen sollen, aber arg konstruiert wirken.

Julie und Karl wirken dagegen wie zwei verliebte Teenager, die miteinander säuseln, als befänden sie sich in einem Groschenroman. „Ich liebe dich mehr, als du ahnst. Ich liebe dich wie den Regen oder wie meinen Glauben an die Heilkräfte des Menschen. Doch weil aus dieser Liebe nichts werden kann, breche ich morgen auf“, sagt Juli zu Karl – das ist dann doch zu viel Kitsch in einem ansonsten lesenswerten Roman.

„Der Flug nach Marseille“ von Michael Wallner, Luchterhand, 255 Seiten, 20 Euro

Stammregisseur am Theater Lübeck

1958 wurde Michael Wallner in Graz geboren. Er studierte Regie und Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und war danach unter anderem am Wiener Burgtheater und am Schillertheater Berlin engagiert. Seit 1997 lebt er als Roman- und Drehbuchautor sowie als Regisseur in Berlin und England.

In Lübeck ist Wallner durch seine Dramatisierungen und Inszenierung von Thomas-Mann-Romanen bekannt geworden. Sein Stück „Willy Brandt – Die ersten 100 Jahre“ wurde 2013 in der Kritikerumfrage der Zeitung „Die Welt“ unter die zehn besten deutschsprachigen Aufführungen des Jahres gewählt. Zuletzt brachte er „Tod in Venedig“ in Lübeck auf die Bühne.

Als Schriftsteller wurde Michael Wallner mit seinem Roman „April in Paris“ (2006) bekannt, der im Frühjahr 1943 im besetzten Paris spielt. Zuletzt erschienen von ihm die Romane „Die russische Affäre“ (2009), „Kälps Himmelfahrt“ (2011) und die am Vorabend der Weltwirtschaftskrise von 1929 in Lübeck und auf Kuba spielende Geschichte „Die Frau des Gouverneurs“ (2014).

Liliane Jolitz

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