Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° stark bewölkt

Navigation:
Eine hellhörige Autorin

Frankfurt am Main Eine hellhörige Autorin

Margaret Atwood erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nach dem Politikwechsel in den USA gelten ihre Bücher fast als prophetisch.

Frankfurt am Main. Sie wird seit Jahren als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Die rund 50 Bücher, die Margaret Atwood seit ihrem ersten Roman „Die essbare Frau“ 1969 veröffentlicht hat, sind nicht nur in ihrem Heimatland Kanada, sondern vor allem auch in Europa äußerst populär. Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Essays, Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Opern-Libretti, Kinderbücher und sogar Comics hat sie verfasst. Nun erhält die 77 Jahre alte Atwood einen der wichtigsten europäischen Literaturpreise: den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

„Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Menschenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie literarisch eindringlich formuliert“, heißt es in der Begründung. Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Dachverbands der deutschen Buchbranche, gab die Würdigung gestern bei der Eröffnung der Buchtage Berlin bekannt.

Der Börsenverein verriet damit ein feines Gespür für Aktualität: Seit der Amtsübernahme von Donald Trump und seinem erzreligiösen Vize Mike Pence haben düstere Romane in den USA und auch in Europa wieder Hochkonjunktur. Neben George Orwells „1984“ gehört dazu Atwoods Roman „Der Report der Magd“. In dem erstmals 1985 veröffentlichten Buch beschreibt sie, wie die USA sich unter dem Einfluss der christlichen Rechten in eine fundamentalistische Theokratie verwandelt. Frauen werden systematisch erniedrigt und müssen die Rolle von Gebärmaschinen übernehmen.

Der Roman bedeutete für die in Toronto lebende Atwood den internationalen Durchbruch, er wurde 1990 unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“ von Volker Schlöndorff verfilmt. In den USA wurde der Film inzwischen vom Fernsehen neu entdeckt. Die TV-Serie ist im April in den USA angelaufen. Auch Atwood hat darin einen kleinen Auftritt.

Auch mit der weltweiten Finanzkrise hat sich Atwood in einem Essay beschäftigt („Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands“, 2008). In ihrem Werk beweise sie „immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen“, stellt der Börsenverein fest. Damit wird deutlich, dass der Friedenspreis auch dem politischen Engagement Atwoods gilt, die in Nordamerika als große Umweltschützerin bekannt ist. Dieser Kampf ist Atwood praktisch in die Wiege gelegt worden. Als Tochter eines Insektenforschers wuchs sie in der Wildnis im Norden Kanadas auf. Die Schule besuchte sie erst mit zwölf. „Ich kann ihnen aus persönlicher Erfahrung versichern, dass das Verständnis kleiner Kinder dafür, stundenlang mucksmäuschenstill in einem Kanu zu hocken und von Moskitos angenagt zu werden, begrenzt ist“, schrieb sie einst über die frühen Jahre, in denen sie mit ihren Eltern oft seltene Vogelarten beobachtete.

Aus der Tortur der Kinderzeit wurde eine Passion, die die studierte Literaturwissenschaftlerin mit ihrem Mann und Kollegen Graeme Gibson teilt. Ob in der Arktis, den USA oder Neuseeland – für das Paar signalisiert der Schwund der Arten die Probleme des gesamten Ökosystems. „Wir können die Natur nicht weiter in diesem gefährlichen Tempo vertilgen, ohne uns selbst und alles andere auf dem Planeten zu töten“, warnt Atwood.

Auch ihren schriftstellerischen Broterwerb begründet sie mit der Kindheit in Kanadas Wäldern. Weil sie in ihren ersten Lebensjahren weder Spielgefährten noch Fernsehen hatte, habe sie zu lesen und dann zu schreiben begonnen.

Atwood wird den Friedenspreis am 15. Oktober zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse in der Frankfurter Paulskirche entgegennehmen. Auf dem deutschen Buchmarkt ist sie in diesem Jahr bereits mit zwei neuen Romanen vertreten: „Hexensaat“ ist eine Verneigung vor Shakespeares „Sturm“. Hauptperson ist der Theaterdirektors Felix, der nach einer Intrige gegen sich Rache nimmt wie einst Shakespeares Prospero. „Das Herz kommt zuletzt“ ist dagegen eine bitterböse Gesellschaftssatire, in der die Protagonisten zwischen dem Status von Gefangenen und dem der Freien wechseln – um in Sicherheit zu leben.

„Hexensaat“, Knaus-Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro.

„Das Herz kommt zuletzt“ , Berlin-Verlag, 400 Seiten, 22 Euro.

Thomas Maier, Michael Berger und Christina Horsten

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden