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Eine lange Nacht-Musik

Lübeck Eine lange Nacht-Musik

Beim Schlafkonzert von „Kunst am Kai“ spielen Musiker bis zum frühen Morgen – Das Publikum schlummert.

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„Theater versöhnt uns mit dem Leben“

Halten eine Nacht durch: Holger Roese (v.l.), Florian Stapelfeldt und Gabriele Pott begleiten ihr träumendes Publikum mit ihrer Musik im Hafenschuppen C.

Quelle: Fotos: Alessandra Röder

Lübeck. Kurz vor Mitternacht schallt die klare Sopranstimme durch den in rotes Licht getauchten Hafenschuppen C: „Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht...“ Mit dem Wiegenlied von Johannes Brahms singt die Pianistin ihr Publikum sanft in den Schlaf. Um die Bühne herum liegen die Zuhörer auf Matratzen und lauschen mit geschlossenen Augen. Einige haben sich in ihre Decken gekuschelt, die sich von den Atemzügen gleichmäßig bewegen. Während die Besucher nach und nach in die Welt der Träume wegdämmern, fängt für Gabriele Pott, Saskia Schmidt-Enders, Holger Roese und Florian Stapelfeldt die wohl längste Nacht ihrer Musikerkarriere an.

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Beim Schlafkonzert von „Kunst am Kai“ spielen Musiker bis zum frühen Morgen – Das Publikum schlummert.

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Acht Stunden lang, bis 7 Uhr morgens, wollen die vier ohne Pause spielen. Werden sie durchhalten? Kann ihr Publikum zu der Musik schlafen? Lübecks erstes Schlafkonzert ist ein besonderes Experiment für beide Seiten. Daher ist es nur natürlich, dass Veranstalterin Gabriele Pott vor Beginn des Konzerts aufgeregt ist. „Gestern Nacht habe ich ehrlich gesagt auch nicht gut geschlafen“, sagt sie. So viele Stunden am Stück hat die Pianistin noch nie gespielt. Aber durchzuhalten sei jetzt eine Frage der Musikerehre. Schließlich wollen sie das Publikum durch die ganze Nacht begleiten.

„Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Musik Einfluss auf Psyche, Körper und Unterbewusstein hat“, erklärt Pott die Idee hinter dem Konzept. Mit den Klängen werde der Verarbeitungsprozess begleitet und Platz für Kreativität geschaffen. Einfach eine CD laufen zu lassen, hätte aber nicht denselben Effekt. Denn die vier Musiker improvisieren beim Spielen. „Wir gehen auf die Stimmung im Publikum ein“, erklärt Pott.

Das Matratzenlager bewirkt jedenfalls gute Laune bei den Besuchern. Die gemachten Betten liegen in ordentlichen Reihen auf langen roten Teppichen. Einige Schlafplätze sind auf einem Podest hergerichtet. „Ist das niedlich“, ruft eine Frau beim Anblick der Bettwäsche. Sie ist gestreift, gepunktet oder mit Janosch-Motiven bedruckt. Neben dem Konzertbett liegt ein Betthupferl und ein Traumtagebuch.

Maria Lemke, Tina Gottstein und Sebastian Miethe sind für das Schlafkonzert extra aus Berlin angereist. „Die Akustik ist hier bestimmt toll“, sagt die 26-jährige Gottstein. Kristina Hoffmann (57) fühlte sich bei dem Konzept sofort angesprochen. „Ich habe Probleme beim Einschlafen“, verrät die Lübeckerin. Jetzt ist sie jedoch nervös. „Also wenn es gar nicht geht, dann stehe ich einfach auf und gehe“, sagt sie. Doch schon nach den ersten Klängen sinkt sie entspannt in ihre Matratze.

Die Schlaginstrument-Studenten Holger Roese und Florian Stapelfeldt spielen auf einer Marimba. Pott und Schmidt-Enders setzen am Keyboard ein. In der ersten Stunde ist die minimalistische Musik anregend. Die sich wiederholenden Motive lassen die Gedanken auf Reisen gehen. Beim Blick nach oben fällt die interessante Deckenstruktur des Schuppens auf. Plötzlich verdunkelt sich die Halle. Die Schlagzeuger klettern beleuchtete Treppenstufen empor und lassen Kuhglocken ertönen. Mit einem Gong läutet Pott schließlich den Umschwung in der Musik ein. Sanftere Klänge werden nun gespielt. Außer der Musik ist kein Geräusch zu hören. Jeder ist auf sich selbst konzentriert und lässt sich in den Schlaf bringen. Wer zwischendurch aufwacht, hört, dass die Musiker sich immer neue Stücke einfallen lassen. Sie halten durch.

Ein Orgelspiel schließt das nächtliche Konzert ab. „Ich bin jetzt noch nicht müde. Wahnsinn, wie einen das Kreativsein wachhält“, sagt Pott. Pianistin Schmidt-Enders erzählt, sie sei selbst in einem meditativen Zustand gewesen. Die Konzertbesucher schälen sich langsam aus den Betten. Sie bekommen Kaffee ans Bett. „Ich bin total beseelt“, sagt Karin Gaus. Auch die Ängste von Besucherin Kristina Hoffmann waren unbegründet. Im Gegenteil: „Das Gedankenkarussell stand durch die Musik endlich mal still.“

Die Blechbläser kommen

Interesse an einem weiteren Schlafkonzert? Bitte bei Gabriele Pott unter Telefon 04 51/5821606 melden!

Hanse Brass, ein Blechbläserensemble aus Mitgliedern der Lübecker Philharmoniker und des NDR-Sinfonieorchesters, bestreitet das nächste Konzert im Rahmen des Musikfestivals „Kunst am Kai“ im Hafenschuppen C. Stücke von Händel bis Bernstein stehen auf dem Programm „Crazy Brass“, das auch ein wenig verrückt sein soll. Die Schauspielerin Andrea Gerhard moderiert. Freitag, 22. Juli, 19 Uhr.

Alessandra Röder

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