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Eingangstor zur Kultur in Lübeck

Lübeck Eingangstor zur Kultur in Lübeck

Das Holstentor ist Wahrzeichen der Stadt und eines der bekanntesten Bauwerke Deutschlands. Die nicht mehr zeitgemäße Ausstellung im Innern soll umgestaltet werden. Es gibt viele Ideen, aber wenig Geld.

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Das Holstentor ist in Lübeck omnipräsent: auf Andenkenkitsch, auf Münzen und als Firmenlogo. Doch die Museumsausstellung im Inneren ist veraltet.

Quelle: Montage: Nadine Wapner

Lübeck. So wuchtig nach außen, aber eng im Innern: Wer das Museum Holstentor besucht, mag überrascht sein über die Gedrängtheit, die dort herrscht. 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen zur Verfügung. Handel, Seefahrt, Gerichtsbarkeit: Vieles gibt es über Lübecks Geschichte zu erfahren. So viel, dass das Museum ein wenig einem Gemischtwarenladen gleicht.

Die Kulturstiftung der Hansestadt Lübeck, Trägerin der Museen, möchte die Ausstellung völlig neu gestalten. Dafür gibt es zwar kein Geld, dafür aber umso mehr Ideen. Ein stadtgeschichtliches Museum soll dort entstehen. Und es soll mal nicht um das mittelalterliche Lübeck gehen. Vielmehr soll die Ausstellung im Holstentor dort anknüpfen, wo Lübecks jüngstes Museum, das Hansemuseum, Halt macht: um das Jahr 1700 herum.

Vor einigen Wochen hatte die Kulturstiftung Experten aus ganz Deutschland eingeladen, um ihr Konzept für das Holstentor zu diskutieren. Dieses Konzept klingt zumindest für Laien ziemlich kühn. Neben Lübecker Exponaten sollen Objekte aus der Völkerkundesammlung gezeigt werden, die aufgrund ihres Reichtums zwar weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt ist, aber seit 2008 keine eigenen Ausstellungsflächen mehr hat. Auch wenn im Holstentor nur ein winziger Bruchteil gezeigt werden könnte, würde die Sammlung immerhin wieder präsentiert.

Brigitte Templin, Leiterin der Völkerkundesammlung, und ihre Mitarbeiter haben das Konzept erarbeit, das Lübecks Geschichte veranschaulichen und Bezüge zur Welt herstellen soll. Zugehörigkeit, Abgrenzung, Geben und Nehmen, Netzwerke, Welt im Umbruch sowie Heimat und Fremde sind mögliche Themen. Im Bereich „Abgrenzung“ könnte gezeigt werden, was in anderen Ländern getan wurde, um sich zu schützen. In Korea zum Beispiel wurden an Dorfeingängen Wächterpfähle zur Abwehr von Krankheit und Unglück bringenden Geistern aufgestellt.

Das Thema Heimat und Fremde ist durch den Zuzug von einer großen Zahl an Menschen besonders aktuell. Wer weiß schon noch, dass während des Zweiten Weltkriegs Zehntausende Zwangsarbeiter nach Lübeck verschleppt wurden, die in den Industriebbetrieben arbeiten mussten? Wer hat noch parat, dass sich die Bevölkerungszahl Lübecks durch Flüchtlinge aus dem Osten verdoppelte? Klingt interessant, aber ist das Holstentor nicht viel zu klein für eine solche Themenfülle? Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen, stimmt zu: „Die Hauptaufgabe wird sein zu reduzieren. Darüber aber machen wir uns am wenigsten Sorgen.“

Drückender ist die Frage der Finanzierung. Weil die Stadt kein Geld für die Umgestaltung des Holstentores gibt, müsste das Projekt, wie andere auch — zum Beispiel die Erweiterung des Buddenbrookhauses —, über Drittmittel finanziert werden. „Der nächste Schritt muss eine Machbarkeitsstudie sein“, sagt Wißkirchen — ebenfalls von Geldgebern zu finanzieren. Dabei geht es auch darum, gute Bedingungen für eine neue Ausstellung zu schaffen, was Beleuchtung, Heizung und Klimatisierung angeht. Dass nicht alle Bedingungen optimiert werden können, steht aufgrund der baulichen Situation fest: Der Einbau eines Fahrstuhles ist nicht möglich. Gehbehinderten Besuchern bliebe das neue Holstentor-Museum somit auch künftig verschlossen.

Dafür ist das Gebäude selbst eine Attraktion, vielleicht die wichtigste. „Wir müssen die Geschichte des Tores zeigen“, sagt Wißkirchen. Darüber habe auch bei den Experten Einigkeit geherrscht.

Unterschiedliche Meinungen gebe es aber zu der Frage, ob das große Lübeck-Modell im Museum bleiben soll oder nicht. Eine Idee ist, im Bereich „Heimat und Fremde“ ein neues Bild der Stadt zu zeichnen.

„Ein virtuelles Stadtmodell, das neben der Altstadt alle weiteren Stadtteile umfasst und auch durch Migration veränderte Gegebenheiten aufzeigt, stellt eine Übersicht dar“, heißt es in dem Konzept zur Neugestaltung.

Dem Chef der Lübecker Museen schwebt vor, dass das Tor ein Ort werden soll, der sozusagen den Appetithappen darstellt. „Das Holstentor kann Eingangstor zur Kultur in Lübeck sein“, sagt Wißkirchen.

Eine Befragung von Besuchern des Museums hat ergeben, dass jeweils rund ein Drittel aus Lübeck und Umgebung, aus dem übrigen Deutschland und aus dem Ausland kommen. Man hat auch wissen wollen, was die Besucher gern hätten. Über das Ergebnis sagt die Chefin der Völkerkundesammlung: „93 Prozent haben die Frage bejaht, dass sie mehr über die weltweiten Verbindungen Lübecks erfahren wollen.“

Repräsentationsbau

Erbaut wurde das Holstentor in den Jahren 1464-1478 vom Stadtbaumeister Hinrich Helmstede nach niederländischen Vorbildern. Es diente von Anfang an zugleich der Verteidigung wie der Repräsentation.

Hartnäckig hält sich die Darstellung, mit nur einer Stimme Mehrheit in der Lübecker Bürgerschaft sei das Holstentor 1863 vor dem Abriss bewahrt worden. Richtig ist vielmehr, dass mit einer Stimme Mehrheit beschlossen wurde, das schwer beeinträchtigte Stadttor zu sichern und zu sanieren. Die Arbeiten nahmen acht Jahre in Anspruch.

Gescheitert sind Pläne von 1933, das Holstentor zu einem Museum der Wehrhaftigkeit auszubauen und von 1935 hier eine „Ruhmes- und Ehrenhalle“ einzurichten. Entsprechende Senatsbeschlüsse wurden nicht realisiert.

Von Liliane Jolitz

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